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Fokus
7/8.2011


 «Wo ist Ai Weiwei?» - dies ist die Frage, die seit der Verhaftung des chinesischen Künstlers durch die Behörden seines eigenen Landes weltweit gestellt wird. Eine andere Frage, die nach dem Wesen seiner Kunst, bildet die Grundlage der Retrospektive des fotografischen Œuvres im Fotomuseum Winterthur.


Ai Weiwei - ‹Interlacing›, ein Künstler in wechselnden Rollen


von: Kito Nedo

  
links: Foto: Andrew Dunkley
rechts: Ai Weiwei · 6/1/08, Wenchuan, China, aus: Blog-Fotografien, ca. 2005-2009


Für den englischen Ausstellungstitel ‹Interlacing› existieren mehrere Übersetzungen, man kann ihn mit «Verflechtung» oder «Verschachtelung» übersetzen - in der Fernsehtechnik wird damit ein Verfahren zur Verringerung des Bildflimmerns bezeichnet. Das wiederum lässt sich gut auf den Kern der Schau übertragen - denn das Schaffen Ai Weiweis, der nicht nur als Künstler, sondern auch als Architekt, Kurator, engagierter Kommentator und politischer Aktivist arbeitet, ist zu schillernd und zu vielfältig, als dass es zu einer letztendlichen Klärung kommen könnte. Zumindest lässt sich durch die Herausstellung einzelner Aspekte, wie etwa seiner Arbeiten mit Fotografie und Video, das Flimmern verringern.

Fotografie ohne Pathos
Was seine fotografische Praxis angeht, erweist sich der in Peking geborene Künstler vielseitig, ständig wechselt er die Rolle. So ist man in Winterthur mit verschiedenen fotografischen Genres konfrontiert: hunderten, auf mehreren Monitoren abrollenden Tagebuchfotografien für seinen von 2005 bis 2009 geführten Internet-Blog; klassischen Architekturfotografien, mit welchen er den Bau des Vogelnest-Stadions von Herzog & de Meuron und des Terminal 3 von Norman Foster in Peking begleitete; inszenierten Fotografien, wie das berühmte Schwarzweissfoto ‹June 1994› auf dem Tienanmen-Platz. Konzeptuelle Strategien tauchen bei ‹Seven Frames›, 1994, einer dekonstruierten Darstellung eines Uniformierten auf oder auch in Form seiner seriell angefertigten Porträts im Rahmen seines documenta-Projekts ‹Fairytale›, 2007. So unterschiedlich die Fotografien auch erscheinen, sie alle eint eine Schnörkellosigkeit, die sich grundsätzlich durch das gesamte Werk Ais zieht: «Keep it simple».
Ohne grosses Pathos wirkt auch die Farbfotografie-Serie ‹Provisional Landscapes›, 2002-2008, für die er riesige städtische Brachen fotografierte, wie sie für die im stetigen Umbau begriffene urbane Landschaft Chinas typisch sind. Seit der Öffnung des Landes Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre ist der Wandel von einer ländlich geprägten Kultur zu einem Megacity-Urbanismus in vollem Gange.
Zwischen 1980 und 2007 schnellte die Zahl der Städte mit über 1 Million Einwohner von 15 auf 118. Was hinter der Statistik steckt, das kann man durch die Fotos erahnen: der Rigorismus der Stadtplanung, das Denken in schwer vorstellbaren Dimensionen, die rücksichtslose Auslöschung bisheriger sozialer Strukturen, Umweltprobleme und die Schlacht um Ressourcen.
Wie ein Gegenpol zu diesen ‹Provisional Landscapes› wirken die frühen Schwarzweissabzüge aus Ais Zeit in New York, wo er als junger Mann zwischen 1983 und 1993 lebte und sich mit diversen Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Neben Selbstporträts und Momentaufnahmen aus dem Kreis der chinesischen Diaspora sind es dramatische Bilder von politischen Demonstrationen oder Polizeiaktionen auf den New Yorker Strassen, die Ai teilweise an Magazine und Zeitungen wie die New York Times, New York Daily News und Newsweek verkaufte. Seinem East Village-Nachbarn Allen Ginsberg soll Ai damals eine Mappe mit künstlerischen Arbeiten gezeigt haben, woraufhin dieser ihm sagte: «Weiwei, mir fällt keine Galerie ein, die Kunst von einem Chinesen ausstellen will.» Das liess dieser nicht auf sich sitzen: «Allen, ich halte dich nicht für einen amerikanischen Dichter. Du bist einfach ein Dichter.»

Kraft des Mediums
Die Abwehr von fixierenden Zuschreibungen ist nach wie vor spürbar, was auch dieser Ausstellung ihren besonderen Reiz verleiht. Denn ein Fotograf oder gar Fotokünstler wollte Ai nie sein, ebensowenig ein Architekt oder Installationskünstler. «Ai Weiwei ist und war immer nur Ai Weiwei», schreibt der in Peking lebende Autor und Kurator Philip Tinari im Katalog und bringt damit dessen Anspruch auf die Verschmelzung von Kunst und Leben auf den Punkt. Es ist die grosse Qualität der Schau in Winterthur, dass sie trotz der eigenen thematischen Ausrichtung des Hauses und trotz der momentanen Fokussierung auf die Person des Künstlers, die seiner Verhaftung und der daraus folgenden medialen Agenda geschuldet ist, den Blick auf den universellen Kern des Werks frei hält. Somit bildet ‹Interlacing› nicht nur das Schaffen eines vielseitigen Künstlers im Spiegel seiner Fotografie ab, sondern erzählt auch von der Kraft und Weite des fotografischen Mediums, das einen Rahmen für die unterschiedlichsten künstlerischen Ansätze und Praktiken bieten kann.
Kito Nedo, freier Journalist in Berlin, unternahm 2008 und 2011 als Stipendiat der Internationalen Journalistenpro­gramme (IJP) mehrwöchige Recherchereisen nach China.

Bis: 02.01.2012


Ai Weiwei (*1957, Beijing) lebt in Beijing

1960-78 Verbannung der Familie in Xinjiang
1978 Studium Beijing Film Academy
1979 erste Ausstellung als Mitglied der Künstlergruppe ‹The Stars›
1981 Übersiedlung in die USA, lebt vorwiegend in New York
1994 Rückkehr nach Beijing
1994/95/97 Mitherausgeber des Black Cover Book/White Cover Book/Grey Cover Book
1997 Gründung der China Art Archives & Warehouse (CAAW)
1999 Errichtung eines Wohn- und Atelierhauses in Beijing
2000 Co-Kurator ‹Fuck Off›, Shanghai
2003 künstlerischer Berater von Herzog & de Meuron für die Gestaltung des Olympiastadion Beijing
2007 Teilnahme documenta 12, Kassel
2011 Verhaftung im April durch die chinesischen Behörden, Verbleib seither unbekannt

Einzelausstellungen (Auswahl)
2003/06 Galerie Urs Meile, Luzern/Beijing
2004 Kunsthalle Bern
2008 Mary Boone Gallery, New York
2009 Three Shadows Photography Art Center, Beijing; Haus der Kunst, München
2010 Galerie Alexander Ochs, Berlin; Turbine Hall, Tate Modern, London
2011 Galerie Neugerriemschneider, Berlin



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Ausgabe 7/8  2011
Ausstellungen Ai Weiwei [28.05.11-21.08.11]
Video Video
Institutionen Fotomuseum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Institutionen Lisson Gallery [London/Grossbritannien]
Autor/in Kito Nedo
Künstler/in Ai Weiwei
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