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Fokus
7/8.2011


 Zurück aus der Lagunenstadt und im Alltag wieder eingespurt, stellt sich die Frage: Welche Eindrücke prägten sich ein, welche wirken nach, welche polarisieren? Wir baten einige Autorinnen und Autoren, je ein Werk oder einen Pavillon auszuwählen und kurz zu beleuchten.


Biennale Venedig - ILLUMInazioni


von: Brita Polzer
von: Kathleen Bühler
von: Annina Zimmermann
von: Sascha Renner
von: Daniel Kurjakovic
von: Ulrich Loock
von: Claudia Jolles

  
links: Jennifer Allora & Guillermo Calzadilla · Track and Field, 2011, 60-Tonnen-Panzer mit Laufband, auf dem während der ganzen Ausstellungsdauer ein Athlet aus dem US-Militär-Team seine Trainingseinheiten absolviert. Foto: Werner Egli
rechts: Christoph Schlingensief · Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir, 2011, dt. Pavillon. Foto: Werner Egli


Die Uhren im Palazzo Giustinian ticken genau. Im Dunkeln flimmern Bilder in einem hypnotischen Sog quer durch die Filmgeschichte. Das Leitmotiv der fliessend montierten Szenen ist die Zeit - mal auf einer flüchtig fokussierten Bahnhofsuhr, mal auf einem Wecker, mal auf einer Armbanduhr beim Rennen um die Pünktlichkeit. Fasziniert vom Geschehen verlieren wir jedes Zeitgefühl, bis zum Blick auf die eigene Uhr: 16:15, genau wie im (später prämierten) 24-Stunden-Film von Christian Marclay.
Dieser wird parallel auch als Herzstück des Arsenales gezeigt, als prägender Teil der von Bice Curiger mit sicherer Hand und rhythmischer Präzision inszenierten ILLUMInazioni. Der Rundgang führt hier zunächst durch Song Dongs verwinkelten Para-Pavillon ins Dunkel der Installation von Roman Ondàk. Erst allmählich lassen sich die schummrigen Nachtaufnahmen eines Menschengetümmels und daneben die Replik der Rettungskapsel erkennen, die den chilenischen Bergleuten wieder ans Tageslicht verhalf. Nach dieser machtvollen Ouverture entrollt sich die endlose Raumflucht des Arsenales. Hier setzen Werke wie die vom aztekischen ‹Codex Borgianus von Veletri› inspirierte, vielstimmige Installation von Mariana Castillo Deball, die beklemmend formalisierten Choreografien von Elad Lassry oder Urs Fischers Wachskerzen-Fanal eindrückliche Akzente. Auch wenn nicht alle Positionen das Feuer der Erleuchtung gleichermassen zu entzünden vermögen, gelingt es Bice Curiger, sowohl zwergenhaft kleine wie auch gigantisch grosse Arbeiten gleichermassen ins Licht zu rücken. Unmittelbar an die kuratierte Ausstellung schliessen die Länderpavillons an, die naturgemäss polarisieren, beispielsweise der saudiarabisch dekorative und der kroatisch exzessive. Als äusserst dicht entpuppte sich der Pavillon des Istituto Italo-Latino Americano mit seinen engagierten Videos und Installationen.
Im zentralen Pavillon in den Giardini wird fassbar, wie Curiger die ILLUMInazioni verstanden haben will. Die mit feinen Nebelschwaden umwölkte ‹Bergung des Leichnams des Hl. Markus› von Jacopo Tintoretto und eine unsichtbare ‹Wandmalerei› von Bruno Jakob geben die Tonart vor. Als Mystikerin, Freundin von höheren Wesen und diversen Lichterscheinungen beschreitet die Kuratorin hier einen Weg, auf dem wir ihr gerne folgen. Eine dicht aufgeladene Konstellation findet sich im sternförmigen Para-Pavillon von Monika Sosnowska mit Haroon Mirzas nervöser Tonspur sowie David Goldblatts Aufnahmen trister Vorstadtsiedlungen und ehemaliger Straftäter.
Einige Vaporetto-Stationen und Treppauf-treppab-Gänge weiter empfehlen wir die Räume beim isländischen sowie den schottischen Pavillon.

Kateřina Šedá, ‹Hyundai: Visitors Day›
PinchukArtCentre, Palazzo Papadopoli — Wie Panzer und Bomber auf afghanischen Teppichen auftauchen, so findet sich auch das zerstörerische Vorgehen einer südkoreanischen Autoproduktionsfirma in die Volkskunst eingestickt. Bleibt die Teppichkunst allerdings im abbildenden Einweben in die Geschichte stecken, will Kateřina Šedá mit ihrem Tischtuch-Stickprogramm dem Bann des Bösen entkommen. Statt ihm in die grässliche Fratze zu schauen, tastet sie die Umgebung ab und versucht, kleine, aber kollektive Unterwanderungen zu initiieren. Fünf runde kleine Decken liegen ordentlich ausgebreitet auf einem trockenen Rasenstück. Bunt und je anders bestickt, mit etwas, das der Kartographie einer Ortschaft gleicht, haben sie alle in der Mitte ein in die Erde gegrabenes Loch, ein Vakuum, eine Leere – und in diese soll man die Beine stecken und sich mit einer Erfrischung bedienen lassen. Und dann erzählt eine Fee eine Geschichte. Es war einmal ein Dorf (Nšovice) in Tschechien, das wurde mittendrin von einem Autowerk (Hyundai) besetzt. Im Zentrum entstand ein blinder, zerstörerischer Fleck. Die tschechische Künstlerin Kateřina Šedá, die immer wieder mit Phantasie gegen Monotonie und Leere kämpft, veranlasste die Dorfbewohner/innen, sich inmitten des okkupierten Zentrums zu imaginieren, um von dort aus das Dorf stickend neu vorzustellen. Ein erster Schritt. Brita Polzer, Redaktorin Kunstbulletin


Christoph Schlingensief, ‹Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir›
Deutscher Pavillon, Giardini — Wie würde die Kuratorin damit umgehen, dass der ausgewählte Künstler, Christoph Schlingensief, noch im Frühstadium der Planung verstorben ist? Nur kurz vorweg: Susanne Gaensheimer hat es brillant gelöst. Statt einer Ausstellung mit dem Künstler machte sie eine über ihn. Der Pavillon wurde kurzerhand zur Kirche umfunktioniert. Mit dem Wiederaufbau der ‹Kirche der Angst vor dem Fremden in mir› gelangte die neugotische Kirche von Oberhausen, in welcher Schlingensief als Ministrant gedient hatte, in die Kirchenstadt Venedig. Darin werden wir von einem geradezu barocken Schauspiel überwältigt: Im dunklen Innenraum leuchten Fotografien, Filmprojektionen, Kerzen, Monstranzen, Kirchenfenster und ein Altar mit rätselhaften Requisiten. Es ist ein atmosphärischer Echoraum mit verschiedensten Versatzstücken aus Theaterproduktionen, persönlichen Familienfilmen, Röntgenbildern und Werken von Künstlerfreunden. Darüber schwebt der von Schlingensief gesprochene, tagebuchartige Monolog, den er nach einer schweren Operation aufgezeichnet hatte. Das Wissen, dass er den Kampf mit dem Krebs verlor, nährt die leise Trauer, die sich über das Interieur legt. Zugleich evozieren die geballten Assoziationen die anarchische Energie, welche sein Werk durchströmt. Hier wird nicht der geniale Künstler zelebriert, sondern dessen kräftezehrende Auseinandersetzung mit einem zutiefst widersprüchlichen kulturellen Erbe vor Augen geführt.
Kathleen Bühler, Kuratorin für Gegenwartskunst Kunstmuseum Bern

Angel Vergara, ‹Feuilleton›
Belgischer Pavillon, Giardini — Nun setzt ja diese Biennale ganz auf das Vermögen einzelner Künstler/innen: Sie schaffen die Bilder, die uns die Welt erleuchten. Vielleicht muss das scheitern? Angel Vergara widmet (trotz Kurator Luc Tuymans seltsam überinszeniert) dem belgischen Pavillon einen aussichtslosen Selbstversuch unter diesen Vorzeichen. Zwei Bildschirme, zwei Newssequenzen, kein Ton: auf einem der Schirme das kleine Attentat auf Berlusconi, rechts gibt Pasolini sein letztes Interview. Vergaras Hand fährt zwischen Monitorscheibe und Bild; sein Pinsel folgt hastig den bewegten Konturen. Er mischt das Beige der Siebzigerjahre zum Gesicht des Mannes, als könnte es ihn beschützen. Er schmiert dem Premier Rot ins Maul. Es gibt kein Halten selbst in diesem kurzen Ausschnitt medialer Realität. Trotz hohem Tempo ertastet Vergara die Farben sanft und präzise, umschliesst, bedeckt und deutet im Malen, was er sieht. Nach dem Malakt bleibt das Gemalte auf dem Glas unlesbar zurück. Und doch hat sich allmählich das zwiespältige Porträt des Landes Italien
gebildet, das Berlusconi wählt und wiederwählt und wo zugleich ein Filmer lebendig bleibt als Instanz lange über seine Ermordung hinaus. Vergaras Malerei kann das alles nicht erzählen und schon gar nicht festhalten – er weiss um seine Ohnmacht. Er bildet Erinnerung als eine Art Verschmutzung. Das ist ebenso hilflos, aber nicht zynisch wie die Geste, mit der wir Bilder auf dem iPad beiseitefegen. Annina Zimmermann, Co-Leiterin der Kunstbetrieb AG, Produktionsfirma für Skulpturen


Yael Bartana, ‹… and Europe will be stunned›
Polnischer Pavillon, Giardini — Sie hatte sich zwar beworben. Dass sie aber Polen, die Heimat ihrer Grosseltern, an der Biennale vertreten würde, damit hatte sie nicht ernsthaft gerechnet, sagt Yael Bartana. Denn sie ist Jüdin, und der Antisemitismus in Polen wieder am Erstarken. Die zierliche Frau mit den kurzen schwarzen Locken treibt ihren Stachel diesmal tief ins Fleisch der traumatischen polnisch-jüdischen Beziehungen: In ihrem Kunstprojekt fordert sie 3,3 Millionen vertriebene Juden dazu auf, in ihre Heimat Polen zurückzukehren. Eine Filmtrilogie zeigt die schrittweise Realisierung dieser Utopie: die Mobilisierung der Massen, der Bau einer Siedlung mitten in Warschau und die Verwirklichung eines multikulturellen Polens. Abgedreht ist das alles in perfekter Riefenstahl-Ästhetik: Gesunde Körper, von unten monumental in Szene gesetzt, erzeugen Gänsehaut. Dass die Schoah in der polnischen wie in der jüdischen Erinnerungskultur immer noch die Gemüter erhitzt, zeigen politische Reaktionen auf das Projekt in beiden Ländern – ist die Bewegung reine Halluzination oder eine konkrete und konstruktive Möglichkeit für die Zukunft Europas und des Nahen Ostens? Mit bestechender Radikalität thematisiert Yael Bartana den alltäglichen Antisemitismus, übt aber auch Kritik an Israels Siedlungspolitik. Und schlägt nebenbei dem Prinzip der Nationenvertretung elegant einen Haken. Sascha Renner, Fachredaktor Kunst, Schweizer Radio DRS 2


Alejandro Cesarco und Magela Ferraro, ‹A common ground›
Pavillon Uruguay, Giardini — Die erste Glückserfahrung nach Ankunft abseits der Biennale: der ungeplante Besuch in einer kleinen linken Orts-Buchhandlung, welche, wie sich herausstellt, am Abend den Philosophen Antonio Negri als Gast erwartet. Nur fünfzehn, zwanzig Personen wohnen der Veranstaltung unter freiem Himmel bei (der Vorplatz der Buchhandlung ist dadurch annähernd gefüllt). Negri spricht über eine neue ‹Geschichte der Philosophie› eines Freundes und ist begeistert, dass sich das Buch nicht allein der griechischen Philosophie widmet, sondern, besonders sorgfältig, der romanischen Denktradition. Seine Augen blitzen im Rhythmus der zahlreichen Betonungen seiner Rede. Diese körperliche Erfahrung der Sprache – des «Denkens» (im Sinn von Arendt) – wiederholt sich später an ähnlich versteckter Lage im Innern des Biennale-Geländes, im lichten Pavillon Uruguays. Dort zeigen Alejandro Cesarco und Magela Ferraro Arbeiten. Während sich Ferraro’s Arbeiten vor allem mit mnemotechnischen Aspekten des Alltäglichen befassen, d.h. letztlich mit dem Wissen um die Flüchtigkeit unseres Tun und Lassens, sind Cesarco’s ‹Methodology› und ‹The Gift and the Retribution› hochsensible Studien über die Rätsel des Verstehens, der Einsamkeit, der Zeit und der Liebe. Die Art, wie sich in Cesarco’s Installation Sprache, Blicke und Gesten überkreuzen und verdichten, wirkt wie das Echo auf das unerwartete Gespräch mit Negri. Che dimensione! Daniel Kurjakovic, Kunsthistoriker, Kurator, Verleger


Andrej Monastyrski und Kollektive Aktionen, ‹Empty Zones›
Russischer Pavillon — Bemerkenswert, in welchem Masse mit dem Paradigma von künstlerischer Dienstfertigkeit – Partizipation, soziale Effizienz, Wissenserwerb – eine archivarische Obsession einhergeht. Die Suche nach Präzedenzien schlägt in mindestens drei Pavillons durch: dem brasilianischen (Artur Barrio), dem russischen (Andrej Monastyrski und Kollektive Aktionen) und dem rumänischen (Ion Grigorescu mit Anetta Mona Chisa & Lucia Tkáčová). Im russischen Pavillon die Dokumentation der absurden, verlorenen Kollektivaktionen ausserhalb von Moskau aus den Siebzigerjahren, Selbstverständigung der oppositionellen Künstler und ihres raren Publikums. Demgegenüber eine Arbeit von 2011: die dreistöckigen Bretterliegen aus dem Konzentrationslager, zusammengenagelt wie eine Bühnendekoration, rings um die plumpen zusammengeketteten Pfosten aus den Kanälen vor Ort – ein schändliches Zeichen künstlerischen Schwachsinns. Wenn auch die Vergrösserung und digitale Wiedergabe von Grigorescus Arbeiten dem Spektakelbedarf eines Nationalpavillons geschuldet sein dürfte, ist es viel wichtiger, erkennen zu können, dass er sich über all die Jahre hin der Registrierung des erbärmlichen Körpers und der desolaten Urbanität hingegeben hat, die politische Klarheit mit existenzieller Luzidität verbindet. Wie kommt es, dass manche Künstler mit dem Verlust der politischen Unterdrückung die Orientierung verlieren, andere aber nicht? Ulrich Loock, Kritiker, Kurator, Dozent aus Berlin

Bis: 27.11.2011



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Ausgabe 7/8  2011
Ausstellungen 54. Esposizione Internazionale d’Arte [04.06.11-27.11.11]
Institutionen La Biennale di Venezia [Venezia/Italien]
Autor/in Brita Polzer
Autor/in Kathleen Bühler
Autor/in Annina Zimmermann
Autor/in Sascha Renner
Autor/in Daniel Kurjakovic
Autor/in Ulrich Loock
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Katerina Sedá
Künstler/in Christoph Schlingensief
Künstler/in Andrej Monastyrski
Künstler/in Magela Ferraro
Künstler/in Yael Bartana
Künstler/in Alejandro Cesarco
Künstler/in Angel Vergara
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