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Fokus
7/8.2011


 Was ist eigentlich normal? Und wer bestimmt darüber? Das Projekt ‹Chewing the Scenery› - zweiter offizieller Schweizer Beitrag an der diesjährigen Biennale in Venedig - findet Wege, um mit Norm und Abweichung umzugehen und den gesellschaftlichen Spielraum zu erweitern.


Andrea Thal - Chewing the Scenery


von: Edith Krebs Nduakasa

  
links: Pauline Boudry / Renate Lorenz · No Future / No Past, 2011
rechts: Tim Zulauf / KMU Produktionen · Installative Dramatisation, 2011


In einen Kapuzenmantel gehüllt, kniet ein Bettler auf dem breiten Gehsteig vor dem Teatro Fondamenta Nuove. Bald darauf verschwindet er in einer schmalen Gasse, wir hören, wie er in verschiedenen Sprachen über Themen wie soziale Kontrolle und angemessenes soziales Verhalten rezitiert. Gleichzeitig ertönen die gleichen Sätze aus dem Eingangsbereich des Theaters, wo auf einem Bildschirm drei Personen an einem Tisch sitzend zu sehen sind. In dieser «installativen Dramatisation» von Tim Zulauf/KMU Produktionen, einer komplexen Zusammenführung von Live-Performance und inszeniertem Film, spielt abwechselnd ein Schauspieler der Gruppe die Rolle des IT-Managers, der zum Bettler wird (oder umgekehrt). ‹Deviare - Vier Agenten - Part of a Movie› ist Teil von ‹Chewing the Scenery› von Andrea Thal, die seit 2006 den Kunstraum Les Complices in Zürich leitet, wo sie - ähnlich wie nun in Venedig - ein Programm präsentiert, in dem sich Elemente aus Kunst, Theater und Experimentalfilm vermischen.
‹Chewing the Scenery› ist ein Begriff aus der Theatersprache, der auf melodramatisches Übertreiben, gleichzeitig auf den performativen Spielraum verweist, der jedem Schauspieler trotz präzisem Skript zur Verfügung steht. Auf diese Möglichkeit, das Vorgegebene, das Normative zu erweitern und zu verwandeln, zielt der zweite Beitrag zu ‹Chewing the Scenery›: In der Filminstallation ‹No Future/No Past› lässt das Künstlerinnenduo Pauline Boudry und Renate Lorenz vier Performerinnen auftreten, die nach den Anweisungen eines Regisseurs Sätze wiederholen und individuell interpretieren - oder auch mal eine Gitarre zertrümmern. Die gleichen Schauspielerinnen, die gleichen Sätze, das gleiche Setting - doch einmal spielt das Stück in Berlin im Jahr 1976, das andere Mal im Jahr 2031. Vorstellungen von Vergangenheit und Zukunft erweisen sich hier als ebenso überholt wie eindeutige geschlechtliche Zuordnungen der Performenden.
Wie Andrea Thal betont, geht es ihr grundsätzlich um eine Infragestellung von festgeschriebenen Identitäten, aber auch um eine Aufweichung von polaren Denkmodellen wie Fortschritt und Rückständigkeit, ohne dabei eine traditionelle Sprache der Kritik zu bemühen. Eine Verflüssigung festgefahrener Konzepte zeigt sich auch in der Ausstellung selbst, die in enger Zusammenarbeit mit den beteiligten Kunstschaffenden und Autorinnen entstanden ist und sich während der Dauer der Biennale laufend verändert. Edith Krebs, wissenschaftliche Mitarbeiterin SIK ISEA Zürich


Bis: 02.10.2011


Publikation ‹Chewing the Scenery›, edition fink, 2011



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Ausgabe 7/8  2011
Autor/in Edith Krebs Nduakasa
Link http://www.chewingthescenery.net
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