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Fokus
7/8.2011


 Das Museum zu Allerheiligen vereinigt Archäologie, Geschichte, Naturkunde und Kunst unter einem Dach. Markus Stegmann, Kurator der Kunstabteilung und Initiant des ‹Swiss Exhibition Award›, plädiert für ein staatlich unterstütztes Ausstellungsprogamm mit Mut zum Absturz.


Förderpolitik - Ungewisse Planung


von: Lucia Angela Cavegn

  
Markus Stegmann beim Ausstellungsaufbau für ‹Blaubart-Barock›, 2011. Foto: Marc Munter


Cavegn: Das Museum zu Allerheiligen ist ein Mehrspartenhaus mit vier Abteilungen, die einer übergeordneten Direktion unterstellt sind. Worin unterscheidet sich Ihr beruflicher Alltag von demjenigen Ihrer Kollegen, die ein eigenes Haus leiten?

Stegmann: Die Kunstabteilung ist Teil eines komplexen Universalmuseums, d.h. aktuelle Positionen treten in Beziehung zur Vergangenheit. Es zeigen sich reizvolle Kontraste und unerwartete Zusammenhänge über die Jahrhunderte hinweg. Der Vorteil ist zugleich aber auch ein Nachteil, insofern sich das Ausstellungsprogramm nicht ähnlich klar profilieren lässt wie an einer reinen Kunstinstitution. Ausserdem gibt es übergeordnete Schwerpunktsetzungen jenseits der einzelnen Abteilungen.

Cavegn: Sie haben den ‹Swiss Exhibition Award› als Joint Venture zwischen der Stiftung Julius Bär und dem Bundesamt für Kultur initiiert. Was kann so eine Public-Private-Partnership leisten, wo stösst sie an Grenzen?

Stegmann: Das Beispiel zeigt, dass privates Engagement einen substantiellen Beitrag zur öffentlichen Wahrnehmung von Kunst leisten kann und sich dabei nicht notwendigerweise selbst bespiegeln muss, wie dies die Explosion privater Kunstförderung der letzten Jahrzehnte glauben machen könnte. Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist das gegenseitige Vertrauen der Partner und das gemeinsame Interesse, sich an einem tatsächlichen, gesellschaftlich relevanten Kulturbedürfnis zu orientieren und nicht die eigene Profilierung zu gewichten.

Cavegn: Wie stark ist Ihre Kunstabteilung auf Gelder von Gönnern und Firmen angewiesen, welche Kosten werden von Stadt und Kanton Schaffhausen abgedeckt?

Stegmann: Im Durchschnitt generiere ich rund 80% der Ausstellungskosten durch Drittmittel. Das bedeutet einen enormen Aufwand und gleichzeitig eine erhebliche Abhängigkeit vom Goodwill der Geldgeber. Der Kunstverein Schaffhausen ist dabei einer der wichtigsten Partner und erleichtert mit seinem kontinuierlichen Engagement unsere Arbeit. Leider haben während der letzten zwei Jahre drei von fünf langjährigen regionalen Sponsoren aus wirtschaftlichen oder strategischen Gründen die Förderung eingestellt. Ein Verlust, der nicht einfach anderweitig auszugleichen ist.

Cavegn: Sie sind Mitglied zweier Museums- bzw. Institutionsverbände. Welche Anliegen verbinden die grossen und kleineren Häuser, welche unterscheiden sie?

Stegmann: Uns eint die Sorge um die zukünftige Finanzierbarkeit der Kernaufgaben, beispielsweise der Organisation von Ausstellungen. Das Dilemma ist vergleichbar: Mit immer weniger Mitteln immer mehr Publikum zu interessieren, das noch nie zuvor so mobil und entsprechend informiert war - was ja höchst erfreulich ist: Diesem globalen Vergleichsmassstab muss sich die jeweilige Kunstinstitution vor Ort stellen. Grosse wie kleine Häuser wünschen sich eine langfristige staatliche Unterstützung und damit die erforderliche Planungssicherheit, was gerade bei der Konzeption von Ausstellungen mit Vorbereitungszeiten von mehreren Jahren wichtig ist.

Cavegn: Welchen Beitrag leistet die visuelle Kunst an die Gesellschaft?

Stegmann: Auf allen gesellschaftlichen Ebenen wird Innovation, Erfindungskraft und unkonventionelles Denken gefordert, Eigenschaften, die gerade die zeitgenössische Kunst in hohem Masse kennzeichnen. Aber wer lässt sich wirklich auf dieses ungesicherte Terrain ein? Zu tief sitzt die Erwartungshaltung, auf alle Fragen sofort schlüssige und leicht verdauliche Antworten zu erhalten. Die Kunst zeigt jedoch, dass nur neue Zusammenhänge erkennt, wer ihre Ungewissheiten als notwendige Chance für eine neue Wahrnehmung der Wirklichkeit versteht. Das schliesst notfalls auch den Mut zum Absturz ein. Wer nicht fallen kann, kann nicht laufen.
Lucia Angela Cavegn, Kritikerin und Programmleiterin Café des Arts Winterthur.


Das Museum zu Allerheiligen Schaffhausen ist Mitglied der ‹Vereinigung Schweizer Institutionen für zeitgenössische Kunst/VSIZK› sowie der ‹Vereinigung Schweizer Kunstmuseen/VSK›. Markus Stegmann kuratiert jährlich vier Ausstellungen mit zeitgenössischen Positionen und epochenübergreifenden Themen. Hinzu kommt eine Wechselausstellung der Graphischen Sammlung. Durchschnittliches Ausstellungsbudget der Kunstabteilung: CHF 240'000 Finanzierung: ca. CHF 50'000 Stadt Schaffhausen, CHF 30'000-45'000 Kunstverein Schaffhausen, ca. CHF 150'000 Sponsoring via Kunstabteilung Besucher: ca. 30'000 pro Jahr (gesamtes Museum) Mitarbeiter der Kunstabteilung: Kurator (80%), Wissenschaftlicher Mitarbeiter (50%), Volontärin (80%)



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Ausgabe 7/8  2011
Ausstellungen Blaubart-Barock [19.06.11-21.08.11]
Institutionen Museum zu Allerheiligen [Schaffhausen/Schweiz]
Autor/in Lucia Angela Cavegn
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