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Besprechung
7/8.2011


Sibylle Omlin :  Was haben eine Zitrone und ein Vogelkadaver in einem Briefumschlag gemeinsam? Beide wurden am Flughafen JFK beschlagnahmt und von Taryn Simon geortet und fotografiert. Dieses Projekt ist in der - vorerst letzten - von Katya García-Antón fürs Centre d'Art Contemporain kuratierten Ausstellung zu sehen.


Genf : Taryn Simon, ‹Contraband›


  
Taryn Simon · Bird corpse, labeled as home décor, Indonesia to Miami, Florida (prohibited), 2010. Courtesy Gagosian Gallery


Medikamentenpackungen, in Plastik eingehüllte Kräuter oder Samen, Zigaretten, Alkoholika, Handtaschen, Turnschuhe, Schmuck, aber auch Organe von Tieren, ein paar vertrocknete Zitronen: Beim Betrachten dieser konfusen Sammlung eher kleinformatiger Fotografien im Centre d'Art Contemporain Genf wird schon bald klar: Hier stimmt etwas nicht. Und in der Tat sind all die fein säuberlich, wie Pack Shots fotografierten Gegenstände beschlagnahmt worden. Sie stammen von Passagieren oder aus Eilsendungen, die ihren Weg über den Flughafen JFK in New York genommen haben.
Die Serie ‹Contraband›, 2010, welche die amerikanische Foto-Künstlerin Taryn Simon während eines fünftägigen «Rund-um-die-Uhr»-Shootings im Grossflughafen JFK in New York realisiert hat, dokumentiert nicht nur unsere strengen Warentransportvorschriften im Flugverkehr. Die als Listen angefertigen Legenden neben den Fotografien geben die genaue Identität der Güter preis: Anabolika, gefälschte Nike-Schuhe, eine Magnum-Pistole, beschlagnahmte Zigarren oder Tierkadaver. Doch was sollen die paar vertrockneten Zitronen oder die getrockneten Ginsengwurzeln in dieser Sammlung? Die Fotos von Taryn Simon verraten, was wir trotz eines liberalen und globalisierten Marktes kontrollieren wollen: Originale, Drogen, Medizin, Alkoholika, aber oft auch ganz harmlose Alltagsdinge. Überhaupt - so scheint diese Fotoserie zu sagen - fürchten wir uns vor allem, was dekontextualisiert und ohne genaue Gebrauchsanweisung von einem Ort zum andern verschoben werden kann.
Die Künstlerin ortet diese Ängste mit einem kriminalistischen Durchhaltevermögen und der Präzision einer forensischen Spurenlese. Die Authentizität, die sich bei diesem Vorgehen abbildet, ist in Form von genau abgezählten verglasten Fotoreihen der Szenografie der Ausstellung eingeschrieben: sieben Fotos von Zigaretten, zwei Fotos von Louis-Vuitton-Taschen.
Das Indexhafte dieser Methode erinnert an frühere Projekte der Künstlerin, zum Beispiel an ihre weltweit gezeigte Serie ‹An American Index of the Hidden and Unfamiliar›, 2007.
Und auch für das Projekt ‹Contraband› gilt: Die Ratlosigkeit und Leere, die sich beim Betrachten dieser akribischen visuellen Listen bald einmal einstellt, ist hinterhältig. Es verrät unser eigenes Verdrängen von bekannten Mechanismen.

Bis: 24.07.2011



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Ausgabe 7/8  2011
Ausstellungen Taryn Simon [21.04.11-24.07.11]
Institutionen Centre d'Art Contemporain [Genève/Schweiz]
Autor/in Sibylle Omlin
Künstler/in Taryn Simon
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