Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
7/8.2011


Matthias Sohr :  International Kuratiertes und nationale Newcomer-Förderung: Der Künstler-Off-Space Circuit erprobt alle Formate der Gruppenausstellung. Die aktuelle Einzelschau fällt diesbezüglich nur formell aus dem Rahmen. Denn auch die Fotografin Erica Baum treibt das Interesse an der flottierenden Referenz.


Lausanne : Circuit, Erica Baum


  
links: Erica Baum · Hat and Ear, 2010, Archivarischer Pigment-Druck
rechts: Blair Thurman · Vanishing Point, 1999, und Freistilmuseum. Ausstellungsansicht Circuit, Lausanne. Foto: David Gagnebin-de Bons


Im Circuit geht es rund, die Mitglieder des Vereins des Centre d'art contemporain bleiben in Bewegung. Ehemals fünf, heute zwölf Köpfe produzieren Sinn und Zusammenhang. Schon vor Entstehung einer gemeinnützigen Struktur gaben die Gründungsmitglieder Gas, denn der Motorisierung bedurfte es, um ab 1996 zwischen François Kohlers und Didier Ritteners Galerie Exit im jurassischen Porrentruy und der dazugehörigen Vitrine von Luc Aubort und Philippe Decrauzat in Lausanne zu pendeln.
Ab 1998 sollte es unter dem Namen Circuit zwar non-kommerziell und städtischer, aber keineswegs ohne den Duft von Motoröl und Benzin weitergehen. Organisierten Natacha Anderes und die Ehemaligen des Exit zunächst Gruppenausstellungen in einer ehemaligen Autowerkstatt in der Lausanner Avenue d'Echallens, dann am Fusse des Wolkenkratzers Tour Métropole, so stand auch der erste ständige Ausstellungsraum des Circuit in der Passage de Montriond im Zeichen der Geschwindigkeit. Während der ersten Ausstellung ‹sous-gare›, 2001, einem Rennstrecken-Referenzreigen Blair Thurmans, zögerte Christoph Gossweiler nicht, die populäre Ikonografie des benachbarten Fahrradgeschäfts zu heben. Mit seinem Freistilmuseum barg er einen Zeitungsausschnitt, der ein 236 km/h schnelles Fahrrad feierte, nachzuschauen im 2003 dem Kunstbulletin beigelegten Heftchen ‹Le Freistilmuseum›. 2005 zog der Circuit weiter an die Bahngleise des Quai Jurigoz, nicht ohne vorher noch den Motor eines Chevrolet Malibu SB 350 Blower aufheulen zu lassen, anlässlich der Ausstellung von Olivier Mossets ‹Last Run at Montriond 14›.
Gerne überlässt der Circuit die Tour de Force der Verknüpfung von Referenzen dem Besucher. Zuletzt stand dem Circuit nicht nur das Freistilmuseum bei der produktiven Fährtenlegung bei, sondern als Verstärkung insbesondere auch der zugereiste Co-Kurator Mathieu Copeland. Sein Interesse für Alan Vega, einen US-amerikanischen Pionier elektronischer Popmusik, der insbesondere zusammen mit Martin Rev als ‹Suicide› bekannt geworden ist, kanalisierte der Circuit von Juni bis September 2010 zum referenzreichen Output der Ausstellung ‹... avant il n'y avait rien, après on va pouvoir faire mieux›. Mittels wohl definierter Filter wie ‹Echo›, ‹Reverb› und ‹Distortion› kreierten Circuit und Mathieu Copeland eine raumgreifende Installation aus Zeichnungen, Kopien und Editionen. Die eigenwillige Hommage an Alan Vega wurde mit der Verleihung des ‹Swiss Exhibition Award, 2010› honoriert. Das Urteil der Jury, dass «diese Ausstellung vor allem Ausdruck einer kollektiven Reflexion über den experimentellen und diskursiven Charakter der Zeichnung» sei, hätte der findige Ausstellungsbesucher dank der bereitgestellten Januar-Nummer 1956 des ‹Bell System Technical Journal› vorwegnehmen können. In der vom Freistilmuseum initiierten Leihgabe der ETH Lausanne liess sich als Erläuterung technischer Schaltkreiszeichnungen nachlesen, dass «[t]he combined output after passing through a band pass filter is amplified by another traveling-wave amplifier and fed back into the loop input thus completing the circuit», so zu lesen in O. E. DeLange, ‹Experiments on the Regeneration of Binary Microwave Pulses› (S. 70-71).
Erica Baums aktuelle Ausstellung ‹The Public Imagination› empfängt den Besucher im Circuit mit ‹Amour›, 2002/11, einem Feld aus 16 ‹Index›-Fotografien von Schlagworten. Die zu so disparaten Begriffen wie ‹Strip-poker›, ‹Avalanche› und ‹Intelligence artificielle› gehörenden Seitenzahlen verweisen ins Leere verborgener Lektüren. Nicht umsonst trug ihre letzte, in Europa gezeigte Ausstellung der Berliner Galerie Lüttgenmeijer den Titel ‹References›. Hier war bereits 2009 eine Auswahl aus der Serie ‹The Naked Eye›, Fotografien von aufgeblätterten Büchern, zu sehen gewesen. Für ihre erste Schweizer Ausstellung kombiniert die US-amerikanische Künstlerin ihre Fotografien angeeigneter Druckerzeugnisse nun auf ganz neue Weise: Sie hängt sie über grössere, direkt auf die Wände aufgetragene Wetter- und Himmelsbilder aus der Serie ‹Newspaper Clippings›. Ihren unheimlich direkt sprechenden Arbeiten widerfährt hier etwas Hintergründiges. Auch die neue, französisch-sprachige Auswahl aus der Serie ‹Dog Ear› zwinkert den lesenden Betrachter in Inhalt und Form an. Es handelt sich um Aufnahmen von Eselsohren in Romanseiten, die auf engstem Raum in selbstreflexivem Stop and Go kleine Dramen suggerieren, wie auch im Falle von ‹Imagination›, 2011: ‹imagination/folie - Mais/familier/Nous sommes/nouveau/vous/délivrance/Dites-lui›.

Bis: 27.08.2011


Erica Baum ‹The Public Imagination›, ab 9.7. nur mit Voranmeldung: +41 (0)21 601 41 70 Katalog ‹Mental Map for an Exhibition› zur Ausstellung ‹...avant il n'y avait rien, après on va pouvoir faire mieux› als PDF (siehe link)



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2011
Ausstellungen Erica Baum [11.06.11-27.08.11]
Institutionen Circuit [Lausanne/Schweiz]
Autor/in Matthias Sohr
Künstler/in Erica Baum
Link http://www.ubu.com/contemp/copeland
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=110624111718A4O-11
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.