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Besprechung
7/8.2011


Dominique von Burg :  Mit performativen Videoarbeiten parodiert Alex Bag die Funktionsweise des Kunstbetriebs und der Unterhaltungsindustrie. Saisongerecht zur Art Basel und Biennale Venedig hat das Migros Museum der amerikanischen Videokünstlerin die erste umfassende institutionelle Einzelausstellung eingerichtet.


: Alex Bag


  
Alex Bag · Untitled Fall '95, 1995, 1-Kanal-Videoprojektion, Ton, 57'.


«Die besten Kunstwerke stammen von den besten Idioten», plappert eine von drei aufgetakelten Künstlerinnen während eines Gesprächs mit einem aufstrebenden Junggaleristen. Alle sitzen in einem Transporter. Die drei Shootingstars übertrumpfen sich gegenseitig in ihrem Zickenstreit um den begehrten Messestandplatz an der Armory Show, wo nur eine das Innere des Gefährts bespielen darf. Dass der Galerist am Ende den Transporter nicht zum Starten bringt, ist eine herrliche Metapher für das latente Scheitern im aufgeschaukelten Ego-Kunstzirkus. Alex Bag (*1969, New York) reflektiert in der Videoarbeit ‹The Van›, 2001, die Kunstmesse als eine der gewichtigsten Machtinstanzen im zeitgenössischen Kunstsystem.
‹Untitled (Project for the Whitney Museum)›, 2009, gibt das Gespräch zwischen einer depressiven Moderatorin im Engelskostüm und einem Plüschdrachen wieder. Ihr Zustand ist nicht zuletzt im Profilierungs- und Produktionsdruck der Kunstschaffenden begründet. In ‹Untitled Fall '95›, 1995, spricht eine Kunststudentin an der School of Visual Arts in New York zu Beginn jeden Semesters in einem ‹Video-Testimonial› zunehmend desillusioniert über ihren Ausbildungsalltag, der von Konkurrenz, Imagewahn und dem Traum von der schnellen Karriere geprägt ist. Mit dieser Arbeit wurde Alex Bag zu einer Leitfigur der Videokunstszene der Neunzigerjahre. Ihr Bildstil ist hier schon weitgehend ausgearbeitet mit aneinandergereihten Einstellungen, die von den komprimierten Botschaften von Fernsehen und Werbung beeinflusst sind und von den Methoden des Performance-Videos der Siebzigerjahre leben.
Bag appropriiert die Bilderflut aus der Medienwelt, setzt Serien von Fernsehclips zu Collagen zusammen und verbindet sie zu einem Loop. Die zum Teil gesampelten Texte schreibt sie selbst und sie spielt selbst auch auf völlig überzeichnete Art die diversesten, oft schrägen Frauenrollen. Dennoch wirken die Mono- und Dialoge unmittelbar, ebenso die Ästhetik. Den Humus bildet eine kulturpessimistische Attitüde, welche von einem Schuss Sozialkritik untermalt ist. Bags Haltung dem TV gegenüber ist allerdings nicht frei von Ambivalenzen - umso mehr als ihre Mutter die beliebten Kinder-Programme ‹The Patchwork Family› am Fernsehen leitete. Gegenüber dem amerikanischen Filmregisseur David Frankel beschrieb sie das Medium als «the most awful thing. But I can't stop watching it. It's so expected ... that the accepted way to spend your free time is just to be ... a zombie. I feel compelled ... to respond in some way as a human being.»



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Ausgabe 7/8  2011
Ausstellungen Alex Bag [28.05.11-14.08.11]
Institutionen Froh Ussicht [Samstagern/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Alex Bag
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