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Besprechung
7/8.2011


Miriam Wiesel :  Eine ständige Kunsthalle ist nicht das, was die Berliner Künstler wollen und brauchen - das missglückte Experiment der im vergangenen Sommer geschlossenen Temporären Kunsthalle war Beweis genug. Rezepte, die anderswo taugen, stossen hier auf Widerstand.


Berlin : Based in Berlin


  
Jeremy Shaw · The Image of a Generation (A Shocking Film!), 2011, A1 Poster, Offset Lithografie


Institutionen und Off-Spaces, die gute unterstützenswerte Arbeit leisten, gibt es in Berlin reichlich - Geld ist das eigentliche Problem. Auf die Offensive von Klaus Wowereit - Berlins regierendem Bürgermeister und Kultursenator in einem - für eine «Leistungsschau» junger Berliner Kunstschaffender, mit der er sein Projekt Kunsthalle vorbereiten wollte, reagierten die Künstler denn auch verstimmt. Weder wollten sie den vorgesehenen Ort, das Entwicklungsgebiet um den Berliner Hauptbahnhof, bespassen noch als Leistungsträger firmieren. Ausdruck fand der Protest in einem von der Kuratorin Ellen Blumenstein an Wowereit gerichteten offenen Brief «Haben und Brauchen».
Was ist nach Boykottaufrufen und bösen Briefen passiert? Neuer Titel, neuer alter Ort (das Atelierhaus Monbijoupark wird im August abgerissen), drei namhafte Berater, vier eingebundene Institutionen, fünf junge Kuratoren, 80 «emerging artists» - die schliesslich zustande gekommene Ausstellung ‹Based in Berlin› unter der Schirmherrschaft von Wowereit geriert sich weniger neo-liberal, ist aber von einer Verweigerungshaltung durchdrungen. Und schon fühlt man sich wie bei einem Hochschulrundgang. Einige sehenswerte Positionen sind zweifellos dabei: Nina Canell zum Beispiel mit ihren spröden, fast immateriellen Werken, der jüngst in den KW gefeierte Cyprien Gaillard (- KB 5/11, S. 68), Nina Könnemanns Flaschensammler, Klara Lidén mit ihren schwarzweissen Diaprojektionen, Matthias Fritsch mit seinem Technoviking, Fiete Stoltes Schlafstudie, Alexandra Leykauf mit Architekturbildern aus Pappmaché, Shahryar Nashat mit auf Video überspielten Super-8-Filmen oder Petrit Halilaj, der eine Skulptur aus Bohnen wachsen lässt. Auch Simon Fujiwara mit seinem gigantischen Phallus aus Sandstein wird seine Liebhaber finden. Insgesamt aber herrscht Wildwuchs, oder ist das nun ein Biotop?
Mit der Stadt Berlin hat die Kunst, wie vor wenigen Jahren noch, kaum etwas zu tun. ‹Based in Berlin› hat kein gemeinsames Thema, die Werke eint lediglich der gemeinsame (temporäre) Wohnort der Künstler. Geschuldet ist das den - noch - günstigen Lebensbedingungen, die Wowereit mit seiner Politik, die auf die Aussenwirkung des Kunststandorts Berlin zielt, torpediert. Der kreative Humus aber, der manche Blüte trägt, ist die Grundlage dafür, dass sich etwas entwickelt. Auch der Blick von aussen tut not und darf nicht von kunstfremden Interessen zerrieben werden.

Bis: 24.07.2011



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Ausgabe 7/8  2011
Ausstellungen based in Berlin [08.06.11-24.07.11]
Institutionen Atelierhaus im Monbijoupark [Berlin/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
Link http://www.habenundbrauchen.kuenstler-petition.de
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