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Fokus
9.2011


 Dorf, Wald und Wiesen treten in der umfangreichen Schau ‹Môtiers 2011 - Art en plein air› als Inspirationsquelle, Bühnenraum und dominante Mitspieler auf. 69 Positionen finden sich diesen Sommer auf dem idyllischen Parcours, der einige gelungene Arbeiten zum Thema, viel Natur und nebenbei auch Absinth-Degustationen bietet.


Môtiers 2011 - Wechselspiel zwischen Kunst und Natur


von: Alice Henkes

  
links: Lang/Baumann · Comfort #4, 2011. Foto: Alain Germond
rechts: Vincent Kohler · Penny Press, 2003-2011, Münze aus Prägepresse


Ein Hauch Kunst begleitet Besucher in Môtiers auch dann, wenn sie freiwillig oder unfreiwillig auf Ab- und Seitenwege geraten oder im Café pausieren. Aus dem Programmheft steigt ein feines Düftchen auf, der Ateliergeruch nach Terpetin, das traditionell aus Tannenharz gewonnen wurde. Pascal Schwaighofer verwandelt den Geruch künstlerischer Arbeit in ein Ausstellungsparfum mit dem Namen ‹Sentimental Mood›, das nicht nur Besucher in Kunstbetrachtungslaune bringt, sondern ganz nebenbei noch eine der vielen Verbindungen zwischen Kunst und Natur anklingen lässt.
Die alle vier Jahre stattfindende Freiluftschau im Val de Travers, die 1985 als ‹Schweizerische Skulpturenausstellung› begann, hat sich zu einem sommerlichen Kunstanlass mit grenzüberschreitender Ausstrahlung entwickelt. Inhaltlich setzt sie auf Vielfalt: Minimalistische Gesten und verspielte Objekte gehen unkomplizierte Nachbarschaften ein. Hinter den Arbeiten stehen überwiegend bekannte Namen aus der Schweizer Kunstszene und mancher hat bereits früher teilgenommen.
Eine der wichtigsten Akteurinnen der Ausstellung indes ist das Ambiente mit historischem Dorf und stiller Natur, das viele der Kunstschaffenden inspiriert und die Kunstwerke auf faszinierende, zuweilen überraschende Weise rahmt. Im Halbdunkel des Waldes findet nicht nur Sylvie Fleuries kauziger ‹Guardian› - ein zwischen moosigen Felsen hockender Gnom mit Ringelzopf - ein stimmungsvolles, die Aussagekraft des Werkes markant erhöhendes Umfeld. Benjamin Eggers klinisch weiss gekacheltes Tempelchen für den amerikanischen Transvestiten Divine entfaltet auf dem Altlaub des Waldbodens den skurrilen Charme, der aus der eigenwilligen Deplaziertheit des Objekts erwächst. Claude Sandoz hingegen bringt karibische Leichtigkeit an den tannendunklen Waldrand. Sein leuchtend weisses und türkises ‹Musée Ste-Lucie›, eine kleine Bretterbude voll bunter Entdeckungen, ist jener Insel gewidmet, auf welcher der Künstler einen Teil des Jahres lebt.
Simon Beers Arbeit ‹Le dernier ours du Val-de-Travers›, die einen ausgestopften Bären unter einem Felsvorhang zeigt, verknüpft Kunst und Natur perfekt und wäre in einem Ausstellungshaus gar nicht möglich (- S. 48). Elodie Pongs Kommentar zu den USA und ihren Feindbildern, ein Banner mit der Aufschrift ‹Green is the new Red› erhält im Grün des Waldes eine leise Subnote. In einem Galerieraum würde das politisch engagierte Spruchbanner platt erscheinen.
Das vielfach gelungene Wechselspiel zwischen Werken und Umgebung straft Kuratoren-Klagen über schwierige, weil bereits in irgendeiner Form gestaltete Räume Lügen. Ansprechend ist das Ensemble, das sich dem Auge bietet, wenn man aus dem Wald herauskommt und sich über weite Felder wieder in den Ort hinab bewegt. Mit grossen, farbigen Stoffbahnen, die wie Wäsche im Wind flattern, setzt Kerim Seiler einen weithin sichtbaren Akzent, der die grünen Hügel des Tals wie nebenbei in ein lebendes Landschaftsgemälde verwandelt. Das ist vor allem dekorativ. Etwas hintersinniger ist der den Weg überspannende ‹Charlie's Shoe Tree› von Haus am Gern. Das Holzgerüst ist einer Skizze Darwins vom Baum des Lebens nachgebildet und lädt Besucher ein, alte Schuhe darauf zu deponieren.

Zusammenspiel von Kunst und Dorf
Besonders eng ist das Zusammenspiel von Kunst und Raum im Dorf. Nicht immer überzeugen jedoch jene Arbeiten, die thematische Anknüpfung an den Ort suchen. Launige Spielereien mit der Grünen Fee, wie Sarah Hugentoblers Video ‹Tele Vert›, in dem die Fee zum Talk Show Star wird, oder der Grabstein für die Fee verte von Plonk & Replonk wirken arg leichtgewichtig, zumal neben all den zahllosen Garagen, in denen Absinth zu Degustation und Direktverkauf angeboten werden. Ideal fügt sich hingegen die Fotoserie ‹En Route› von Eric Hattan, die mit den Aufnahmen gepflegter Schweizer Garagen die Liebe zum Automobil erkundet, in eine enge Garage (- S. 47). Das Duo Lang/Baumann führt mit ‹Comfort #4› über den Kunstraum hinaus: Auf einer schmalen Leiter stehend, schaut der Betrachter durch eine Luke wie durch eine Himmelskuppel, um in einem luftigen Estrich wolkenweisse Schläuche voller Luft zu entdecken. Ähnliches bewirkt das Video ‹Das fliegende Haus› vom Duo Bretz/Holliger, das mit subtilem Humor ein Häuschen über dem Creux du Van gaukeln lässt. In der Garage indessen, in der Olivier Mosset und Cristina da Silva ein Motorrad-Video mit ‹Easy Rider›-Charme zeigen, entdeckt man nicht ohne Vergnügen neben dem eigentlichen Werk alte Möbel und einen ausrangierten Öldruck. Diese Begegnungen von Kunst und Krempel geben dem Rundgang eine eigene Würze. Staunenswertest ist die Installation ‹C'est quoi, Ce cirque?›, für die Francois Burland und Murielle Michetti allerlei alte Dosen, Kartons und Tortenbleche in eine geheimnisvolle Flotte mit Schiffen, Fliegern und Automobilen im Spielzeugformat verwandelt haben. Im Zwielicht eines Dachbodens bringen die unbeweglichen Mobile die Fantasie des Betrachters in Bewegung.
Alice Henkes, (*1967, Hannover) lebt als freie Kunstkritikerin und Kuratorin in Biel.

Bis: 18.09.2011



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Ausgabe 9  2011
Ausstellungen Môtiers 2011 - Art en plein air [18.06.11-18.09.11]
Institutionen Im öffentlichen Raum [Môtiers/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
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