Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
9.2011


 Die Welt von oben sehen und doch mit beiden Füssen auf dem Boden stehen? Vielleicht liefert ein Ausflug mit dem slowakischen Künstler Roman Ondák ein Beispiel zur Versöhnung beider Positionen. Ondák arbeitet mit historischen Referenzen und eigenen Erzählungen, die er in performativen und kollaborativen Arbeiten verknüpft. Im Kunsthaus Zürich lässt er einen endlosen Fries von Sputnik-Satelliten kreisen.


Roman Ondák - Ins All und zurück


von: Stefan Wagner

  
Roman Ondák · Enter the Orbit, 2011, 96 Versionen des Sputniks, die der Künstler zusammen mit Freunden hergestellt hat, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich. Foto: Caroline Minjolle


Diesen Juni setzte der slowakische Künstler Roman Ondák zur Landung im Kunsthaus Zürich an. Das hiesige Terrain hatte er lange erkundet. Er war vor einigen Jahren Stipendiat der Stiftung Binz 39 sowie des Collegium Helveticum in Zürich und leistete 2008 einen performativen Beitrag für eine Gruppenausstellung in der Kunst Halle Sankt Gallen. Auch war er in Gruppenausstellungen in Bern und Fribourg zu sehen. Das Landegebiet war also ausgemessen und gut markiert, das Aufsetzen eine Routinesache. Die Zeit, in der seine Ausstellung ‹Enter the Orbit› spielt, liegt jedoch einige Jahre zurück. Von Oktober 1957 bis Januar 1958 gelang es der Sowjetunion erstmals überhaupt, den Orbit mit einem Gefährt zu erobern. Der Flug des Sputnik-Satelliten war ebenso ein technischer wie politischer Wendepunkt. Man druckte Briefmarken für den piependen Soldaten im All. Auch von der Erde aus war der Satellit gut sichtbar. Der heute eher an sowjetisches Tafelsilber erinnernde, rund 80 Kilogramm schwere Sputnik, zog während 92 Tagen seine Umlaufbahnen, um bei Wiedereintritt in die Atmosphäre heroisch zu verglühen.

Hello and Goodbye Utopia
Der Slowake spielt im ersten Raum des Kunsthauses mit einer postsackartigen Hülle auf die Geschichte des Sputniks und dessen historische Implikationen an. Adressiert ist der Sack an einen gewissen Herrn Roman Ondák in Bratislava. Zweifel kommen auf, was denn nun stimmen mag. Ist der Sputnik nun verglüht oder wurde er an den noch nicht geborenen Roman Ondák versandt? Hat der Künstler den Sack flugs vor dem Ausstellungsbeginn geleert? Deutet man die Hülle als ein Füllhorn der Möglichkeiten, verabschiedet man sich gleichzeitig von einem historischen Materialismus. Man weiss von Ondák, dass er gerne Lücken in gesichertes Wissen schlägt, dass er unsere Vorstellungen auf den Kopf und wieder zurück auf die Füsse stellt. Gegenüber dem Postsack platzierte der Künstler eine Fotografie mit zwei Texten. ‹Star City›, 2003, nennt sich die Arbeit. Der eine Text ist in kyrillischer Schrift verfasst, eine englische Übersetzung liefert den Inhalt nach: «Star City is surrounded by evergreen and leafy forests. The wind brings the scent of pine needles. The town resembles a yellow white spaceship which has voyaged over the waves of a green sea, gradually expanding and growing in strength.» Poetischer könnte man Fortschritt und Technikglauben kaum beschreiben. Der Text stammt allerdings nicht aus der Feder eines Poeten, sondern aus einem sowjetischen Magazin, das eine utopische Sternenstadt beschreibt und dem Astronauten Yuri Gagarin huldigt.

Kollaborative Praxen
Im Hauptraum wird das Filetstück präsentiert: Insgesamt 96 kleine Sputnikmodelle hängen an den Wänden. Fein säuberlich auf einer Linie montiert, umkreisen sie den Raum und die Eintretenden. Da gibt es Skulpturen aus Holz, Metall, Glas oder Metall - mit Fleiss säuberlich zusammengefügt. Einige erinnern an die Zitronenpresse ‹Jucy Salif› des Designers Philippe Starck, andere an einen Bastelabend. Der Satellit wird in den individuellen Konstruktionen atomisiert und zugleich skulpturalisiert. Der Künstler bat 96 Freunde, ein Sputnik-Modell nach eigener Vorstellung zu bauen. Stäbchen, Stäbchen, Stäbchen, Stäbchen und ein Ball, fertig ist die Kapsel fürs All. Ondák gelingt es, eine Verklärung des Gewöhnlichen zu inszenieren. Die Anordnung der Werke, die Materialwahl, die Platzierung sowie die kollaborative Arbeitspraxis sind für den Slowaken nicht ungewöhnlich. Im Sommer 2009 realisierte er einen performativen Beitrag im Museum of Modern Art in New York. Er bat die Eintretenden, Körpergrösse und Namen auf der Wand zu vermerken. Dadurch entstand ein Fries auf Augenhöhe mit Tausenden von Namen. Wäre dies in einem öffentlichen Raum passiert, die Beteiligten hätten eine Anzeige wegen Sachbeschädigung erhalten. In ‹Good Feelings, Good Times› inszenierte er Warteschlangen vor der Frieze Art Fair, aber auch andern Kunstinstitutionen. Die Mangelwirtschaft seines Geburtslandes Tschechoslowakei tauchte in den Tempeln des (Kunst-)Konsums auf. An der 6. Berlin Biennale richtete er eine stark überdimensionierte Kleidergarderobe, ‹Zone›, 2010, ein, um so - anhand der wenigen abgegebenen Kleidungsstücke - die Menschenleere des Kunstraums zu zeigen. Ondák geht häufig sehr unspektakulär vor, kocht nicht mit grossen Töpfen, sondern mit feinen Zutaten.

Die Erzählung der anderen
Alleine schon aufgrund der Biografie wird die Frage nach der Utopie relevant. Allerdings wird man gleichzeitig das Gefühl nicht los, dass Ondák hinter jedem gesellschaftlichen System fiktionale Konstruktionsmechanismen ausmacht. Dennoch erweisen sich die gesellschaftlichen Bezüge als höchst brüchig. In der Giacometti-Sammlung hat er unbehandelte Goldstücke vor die verschwindend kleinen Skulpturen platziert. Meteoriten gleich, liegen sie zu Füssen der winzigen Figuren in den Vitrinen. Das Menschenbild ist hier nicht dasjenige in einer Gemeinschaft. Noch einsamer als sonst stehen Giacomettis Figuren vor den kleinen Nuggets, wissen noch weniger als zuvor, wie sie sich aufrecht halten sollen. Der Mensch ist klein in den beiden Künstler-Universen. Ondák hat die Gesellschaftsutopie, dieses niemals einzulösende Ziel, und den Mythos, das - so Roland Barthes - die Gemeinschaft verbindende Mitteilungssystem, abgestossen. Er zieht die Fäden der Konstruktionen von Gemeinschaft auseinander, sodass die Subjekte aus der sozialen Hülle herausgeschält werden. Nur schade, dass seinen Ausführungen im Kunsthaus nicht mehr Platz eingeräumt wurde, es hätte ein grosszügigeres Universum entstehen können.

Stefan Wagner ist freier Kurator und Betreiber des Corner College in Zürich

Bis: 28.08.2011


Roman Ondák (*1966, Zilina), lebt und arbeitet in Bratislava

Einzelausstellungen (Auswahl)
2011 Kunsthaus Zürich; Museum of Modern Art, Oxford
2010 Salzburger Kunstverein; Villa Arson, Nizza; Fondazione Morra Greco, Neapel 2009 SK/CZ Pavillon, 52. Biennale Venedig; Museum of Modern Art, New York



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2011
Ausstellungen Roman Ondák [10.06.11-28.08.11]
Video Video
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Roman Ondák
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1108121504274XZ-6
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.