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Artists in Residence
9.2011


 Der Künstler Tomas Rafa ist für drei Monate Gast im PROGR. Das ehemalige Progymnasium mitten in der Altstadt Berns erlangte durch die erfolgreiche Abstimmung 2009 weite Bekanntheit. Ein aus Künstlern, Galeristen und institutionellen Vertretern zusammengesetzter Verein koordiniert seither den Betrieb des Atelier- und Ausstellungshauses. Die Stadtgalerie mit ihrem in Zusammenarbeit mit Pro Helvetia betriebenen Artist-in-Residence-Atelier gehört dem Verein an und führt ein Gastprogramm für Musiker, Künstler und Schriftsteller.


Tomas Rafa - Ein observierender Mitläufer


  
Tomas Rafa auf dem Balkon seines Gastateliers im PROGR, über den Dächern von Bern, 2011. Foto: Cat Tuong Nguyen


Während seines Artist-in-Residence-Aufenthalts in der Schweiz will Tomas Rafa (*1979, Žilina) der attestierten hiesigen Multikulturalität der Bevölkerung auf die Spur kommen. Anders als in seiner Heimat und den umliegenden Ländern Tschechien, Ungarn und Polen, wo grosse Bevölkerungsmehrheiten wenigen Minoritäten gegenüberstehen, ist die gesellschaftliche, ethnische und sprachliche Durchmischung in der Schweiz ausgeprägter. Darum ist Rafa bestrebt, möglichst viele Leute aus unterschiedlichen Regionen und Milieus zu treffen, um ein ebenso vielseitiges und disparates Bild des hiesigen Lebens zu erhalten. Dieses will er in der Rolle des stillen Beobachters mit seiner Kamera festhalten. Die für die kommende Präsentation in der Stadtgalerie Bern zusammengefügten Filmsequenzen sind weder im einzelnen noch im gesamten eine vermeintlich neutrale Dokumentation, sondern entsprechen eher einem künstlerisch geschärften, facettenreichen Kaleidoskop einer Gesellschaft.
Einen Teil dieser Bevölkerung traf Rafa an der Schlachtfeier in Sempach nur wenige Tage nach seiner Ankunft in der Schweiz. Das alljährliche Fest beim Winkelried-Denkmal zum Gedenken an die historische Schlacht dient stets als Anlass für den Aufmarsch rechtsnationaler Gruppierungen, wenngleich die Veranstalter dies zu unterbinden versuchen. Geradezu voraussehbar kann an gewissen Anlässen mit bestimmten Konstellationen und benennbaren Faktoren die Präsenz eines faschistischen Blocks vorausgesagt werden. Interessant für Rafa, denn dieser untersucht in einer mehrjährigen künstlerischen Arbeit die diffuse Grenzziehung zwischen Patriotismus und gefährlichem Nationalismus oder Xenophobie. Rafa filmt Märsche, Versammlungen und Kundgebungen. Die Protagonisten sind auf der einen Seite Aktivisten und Betroffene, die für ihre ethnischen, politischen und sexuellen Rechte einstehen, auf der anderen Seite der rechtsradikale Mob. Dazwischen versucht ein Kordon von Polizisten - mit nicht immer zweifelsfreier Parteinahme und Sympathie - die Gruppen auseinanderzuhalten. Für die Aufnahmen aus nächster Nähe zieht Rafa mit beiden Gesinnungsblöcken mit, was oftmals ein gefährliches Unterfangen und nur mit adäquater Kleidung und unter Vortäuschung gleicher Überzeugung machbar ist. Dabei zeichnet er auf, welches Gewaltpotential in den radikalen Gruppierungen steckt.
Rafa ist bestrebt, in seinen Aufzeichnungen weder Gesinnungen anzuklagen noch zu polemisieren, sondern zu beobachten. Er erläutert dazu, dass eine einseitige propagandistische und verkürzte Darstellung - wie sie oftmals durch die Medien betrieben wird - viel einfacher sei, jedoch den komplexen Hintergründen einer Kundgebung nicht gerecht werde. Seine wenige Minuten dauernden Filme, die auf seiner Website ‹New Nationalism in the Heart of Europe› mit optionalen englischen Untertiteln zu sehen sind, sollen das Geschehen ohne räumliche Distanz aufzeigen. Damit formuliert Rafa implizit eine scharfe Kritik an die Adresse der Medien, welche solche Anlässe meist nur noch aus sicherer Entfernung dokumentieren. Ziel seiner Werkreihe ist es, in wiederkehrenden Konstellationen mit regionalen und kontextuellen Unterschieden gleichbleibende Phänomene aufzuzeigen und damit politische Vereinfachungen zu entlarven. Das Aufdecken dieser Grundstruktur erfolgt nicht in einer Sequenz, sondern in der Aneinanderreihung der einzelnen Filme.
Ausgangspunkt der fortlaufenden Arbeit war sein Film mit der gleichnamigen Aktion ‹Mur Prepáčte›, zu deutsch etwa ‹Verzeihung für die Mauer›. Gezeigt werden Einschusslöcher in einer Wand und niedergelegte Blumen und Kerzen für eine sechsköpfige Romafamilie, die Opfer eines rassistischen Übergriffs wurde. Mit dem slowakischen Wort «Verzeihung», geschrieben in grossen Lettern auf eine im Osten der Slowakei errichtete Segregationswand zwischen Roma und Nicht-Roma, endet der Film. Die methodische Radikalität in der Vorgehensweise trägt die Handschrift von Videokünstlern wie beispielsweise Artur Żmijewski, der wie Rafa auch an der Akademie der Bildenden Künste bei Grzegorz Kowalski in Warschau studiert hat. Dort absolvierte Rafa mit der Unterstützung eines Stipendiums des Visegrad Funds ein Nachdiplomstudium, nachdem er an der Kunstakademie am Institut für Digitale Medien in Banská Bystrica in Slowenien studierte.
Mit einer systematisch ähnlichen Vorgehensweise, aber einem thematisch und kulturell unterschiedlichen Untersuchungsfeld, befasst sich Rafa nun während seines Gastaufenthalts. An seiner Projektpräsentation in der Stadtgalerie im PROGR wird sich zeigen, welche Konventionen er in der Schweiz wird ausfindig machen können und wie deckungsgleich das äussere Bild der Multikulturalität mit der gesellschaftlichen Gegebenheit vor Ort ist.


Projektpräsentation Stadtgalerie Bern, 22.9., 19 Uhr

www.stadtgalerie.ch
www.newnationalism.eu

Dieser Beitrag erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Schwerpunkt Schweizer Übersetzungsförderung ‹Moving Words›.

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Ausgabe 9  2011
Institutionen Stadtgalerie im PROGR [Bern/Schweiz]
Autor/in Franz Krähenbühl
Künstler/in Thomas Rafa
Link http://www.newnationalism.eu
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