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Besprechung
9.2011


Verena Kuni :  Eine lange Liste von Namen. Aufgemacht wie eine Gedenktafel - nur dass es hier nicht um Gefallene geht. Vielmehr handelt es sich bei der ehrenwerten Gesellschaft um die Mitglieder der legendären Loge ‹Propaganda Due›, kurz: ‹P2›. Und mithin um die Geste einer Offenbarung, die eigentlich keine ist.


Frankfurt/M : ‹Geheimgesellschaften. Wissen Wagen Wollen Schweigen›


  
Geheimgesellschaften · 2011, Ausstellungsansicht, Schirn Kunsthalle Frankfurt/M. Foto: Norbert Miguletz


Die Namen, die Luca Vitones ‹Souvenir d'Italie› vorstellt, sind längst bekannt. Gleichwohl ranken sich um die 1982 verbotene Vereinigung bis heute Legenden, die von politischem Ränkespiel bis zum Verdacht terroristischer Verwicklung reichen. Sie steht damit exemplarisch für das, was man gemeinhin mit Geheimgesellschaften assoziiert: Bündnisbildung, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein eigenes System der Kommunikation und der Repräsentation etabliert - eigentlich jedoch auf einem profanen Machtwillen basiert. Hierüber täuscht das Geheimnis umso effektiver hinweg, als es eine im Verborgenen harrende Wahrheit verspricht.
So liegt es nahe, Geheimgesellschaften aus der Perspektive der Kunst zu betrachten, deren Betriebssystem mit seinen Riten und Gepflogenheiten strukturell ähnlich funktioniert. Damit stossen Cristina Ricupero und Alexis Vaillant für ihre gleichnamige Ausstellung allerdings in ein weites Feld, auf dem sich Joachim Koesters Arbeiten zum Sexualmagier Aleister Crowley neben Sean Snyders Untersuchung von Pressedokumenten zu Saddam Husseins Versteck, ‹The Site›, 2004/05, oder Jenny Holzers lakonischer Überarbeitung von Folterprotokollen, ‹Water Board Zubaydah›, 2009, wiederfinden. Gleichzeitig verwundert, warum Künstler wie Matthew Barney, Olaf Breuning oder Kai Althoff fehlen, während andere, zwar motivisch stimmige, aber ansonsten recht banale Artefakte Boden und Wände besetzen dürfen. Gelungen ist die Inszenierung, die sich im Anschluss an eine düstere, mit Tand bestückte Initiationskammer zu einer in leuchtendem Zitronengelb strahlenden Halle mit thematisch gruppierten Clustern von Arbeiten öffnet und schliesslich in einem durch Vorhänge abgetrennten ‹Allerheiligsten› mündet, mit Brice Dellspergers Remake von Stanley Kubricks ‹Eyes Wide Shut›, einem Video, bei dem der Performer Jean-Luc Verna sämtliche Rollen spielt, ‹Body Double 22›, 2010. Die zwischen Parodie und Pathos, Zurschaustellung und Verschleierung oszillierende Inszenierung zwischenmenschlicher Rituale, die wortwörtlich um sich selber kreisen, bringt ein Schlüsselmotiv der Schau auf den Punkt.Die Geheimnisse der Kunst bleiben indessen unangetastet.
Das Katalogbuch kombiniert thematische Essays mit Abbildungen der ausgestellten Arbeiten, vertiefend befasst es sich mit Letzteren nicht. Selbstredend lässt sich derlei auch anderweitig einholen. Aber muss man dafür das vom Berufsokkultisten Eliphas Lévi übernommene Motto ‹Wissen Wagen Wollen Schweigen› bemühen? Wohl kaum.

Bis: 25.09.2011



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Ausgabe 9  2011
Ausstellungen Geheimgesellschaften [23.06.11-25.09.11]
Institutionen Schirn Kunsthalle [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Verena Kuni
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