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Besprechung
9.2011


J. Emil Sennewald :  In Paris folgt das Centre Pompidou dem Trend nach Indien. Und führt das Publikum auf Wege zum Klischee. Statt distanzierte Analyse anzubieten, wirken die Werke von 30 indischen und 17 französischen Künstler/innen wie ein Katalog zum Trend, geben Einkaufshilfe, statt einen echten Dialog zu schaffen.


Paris : ‹Paris, Delhi, Bombay ...›


  
Tejal Shah · You Too Can Touch the Moon, 2006, Aus der Serie ‹Hijra Fantasy›, Digitalfotografie auf Archivpapier, 147 x 96,5 cm. Courtesy Project 88, Bombay


Nach China reden alle von Indien, dank Saatchis Trendbarometer und dem wirtschaftlichen Aufstieg dieser Länder. Auch in Frankreich: Mit ‹Indian Highway IV› im Musée d'art contemporain Lyon und mit der Einzelausstellung der in New York lebenden Rina Banerjee im Musée Guimet. Kurz zuvor musste das Museum die Themenausstellung ‹Le corps de l'Inde› wegen Budgetmangel verschieben. Fehlende Mittel sind hingegen bei ‹Paris, Delhi, Bombay ...› kein Thema.
Schon im Titel serviert das Pompidou alte Indien-Klischees - Bombay heisst seit 1996 Mumbai. Könnte die am Eingang gezeigte Computerschrott-Wand von Krish­naraj Shonat, ‹My hands smell of you›, 2010/11, ironischer Kommentar zum IT-Inder sein, verkommt sie zum soziopolitischen Detail, wenn gleich danach Wandtexte und Videoclips leicht verdaulich Indien für Anfänger erklären. In Rubriken wie Politik, Religion oder Haushalt sortiert, wird der ethnografische Gegenstand aufs Platteste in Kunst übersetzt: Subodh Guptas monumentales Edelstahlgeschirr eröffnet die Abteilung ‹Haushalt›, Puspamala N.'s Tableau-vivant-Foto von Delacroix ‹Die Freiheit führt das Volk› die Rubrik ‹Identität›. Hier hätten Bertrand Laviers ironische Kulturreflexionen hingepasst. Doch die Aufträge an französische Künstler für ein Werk über Indien gingen nicht an Kenner, sondern an Protégés (Loris Gréaud), Exportschlager (Cyprien Gaillard) oder alte Kumpels (Fabrice Hyber, Gilles Barbier). Ein Desaster.
Pierre & Gilles' bunte Kitsch-Indien-Bilder sagen wenig zur Religion, viel jedoch zu ästhetischen Kämpfen schwuler Kultur. Über die könnte auch Sunil Guptas Fotoroman ‹Sun City›, 2010/11, orientieren. Der hängt aber weit weg in der Kategorie ‹Identität›. Die schlechte Anordnung schadet sehenswerten Werken, wie Camille Henrots Film ‹Le Songe de Poliphile (Hypnerotomachia Poliphili)›, 2010, der zur faden Allusion ans Indien-Motiv verkommt. Zwar gelingt der Dialog von Kader Attias Videodokumentation ‹Collages›, 2011, über die Hijra, das «dritte Geschlecht» Indiens, mit Tejal Shahs Foto- und Videoinstallation ‹Untitled (On Violence)›, 2010, welche die brutale Realität der Transvestiten vermittelt. Doch daraus entsteht nichts, der Besucher bleibt distanziert im Sammler-Sessel. Leandro Erlichs exzellente Installation ‹Le Regard›, 2011, spiesst das auf: Ein kleines französisch-bourgeoises Interieur gibt durch ein Fenster den Blick auf Paris, durchs andere den auf eine indische Strasse frei. Eine ferne Szenerie, Dekoration - mehr hat das nicht mit uns zu tun.

Bis: 26.09.2011



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Ausgabe 9  2011
Ausstellungen Paris-Delhi-Bombay [25.05.11-19.09.11]
Institutionen Centre Pompidou [Paris/Frankreich]
Institutionen Musée Guimet [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
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