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Besprechung
9.2011


Daniel Morgenthaler :  Nichts weniger als einen «Neuen Existenzialismus» proklamiert Alexandra Blättler in ihrem Kurator-Jahresprogramm in Rapperswil - allerdings ohne die erdrückende Melancholie der Original-Bewegung. Unter anderem für diese Unverfrorenheit wurde ihr der Swiss Art Award in Kunstvermittlung überreicht.


Rapperswil : ‹Magical & Poetical Structures - New Existentialism Part 4›


  
Cédric Eisenring & Thomas Julier · Font màgica de Montjuïc, 2010, Videoloop, 12'19', Courtesy die Künstler und Karma International. Foto: Gunnar Meier


Es kann darauf noch so Spektakuläres passieren: Urlaubsfotos erweisen sich immer als langweilig, wenn darauf nicht die Ferienprotagonisten selbst abgelichtet sind. Das haben auch die Personen verstanden, die in einem Video von Cédric Eisenring und Thomas Julier vor dem ‹Font Màgica› in Barcelona zu sehen sind. Das Wasserspiel des Brunnens mag brodeln wie Lava, Hauptsache, davor ist die Liebste zu sehen, oder die Fotografierende ist mit ausgestrecktem Arm auch die Fotografierte.
Als Betrachter des Videos - als Zuschauer zweiter Ordnung - bekommt man das nur als Schattentheater vor dem eigentlichen Spektakel mit. Und doch lenkt es genügend ab: Die vielbeschworene Magie mag noch so gut programmiert sein, am Ende ist auch sie nur eine spritzige Hintergrundszenerie für menschliches Theater. So verstanden, fasst die Filmarbeit die Ausstellung ‹Magical & Poetical Structures - New Existentialism Part 4› - die letzte von vier Schauen im Jahresprogramm von Alexandra Blättler - gut zusammen: Der auch als Kuratorin der Stiftung BINZ39 Tätigen geht es um das Herausarbeiten eines neuen Existenzialismus, einer neuen Bereitschaft junger Künstler, sich mit den Fragen des menschlichen Daseins zu befassen - ohne daran zu verzweifeln. Nachdem dieses sehr allgemein gefasste Thema anhand von performativen, historischen und utopischen Herangehensweisen beleuchtet wurde, fokussiert Blättler nun auf magisch-poetische Perspektiven.
Aber eben: Was können technoide Zaubertricks schon gegen unsere Faszination für den Menschen an sich ausrichten? Der humane Touch ist denn auch nicht allen Arbeiten gleich gegeben: Bei den digitalen Pflanzenfotografien von Dominik Hodel (*1986) etwa ist die Magie hochaufgelöst und wäre der Mensch höchstens Störfaktor. Und bei den Arbeiten des Italieners Nicola Gobbetto, in denen Tarot-ähnliche Symbole und ein Kind mit hochwertiger Aura vorkommen, muss die Magie so lange erklärt werden, bis sie verflogen ist.
Dafür kommt man als verdutzter Betrachter bei einer Installation von Alicja Kwade wieder ins Spiel: Die in Berlin Lebende hat zwei identische Art-Déco-Lampen so auf beiden Seiten einer Glasplatte arrangiert, dass man die Scheibe als Spiegel wahrnimmt. Die eine Lampe brennt, die andere ist nicht mal eingesteckt, und doch lässt sich die Konstellation gedanklich nie ganz auflösen. Während es bei Eisenring/Julier nur programmiertes Wasser in einem Brunnen war, sprudelt hier - weniger kontrolliert - die Flüssigkeit im Gehirn.

Bis: 25.09.2011



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Ausgabe 9  2011
Ausstellungen Magical & Poetical Structures - New Existentialism Part 4 [03.07.11-25.09.11]
Institutionen Alte Fabrik [Rapperswil-Jona/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
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