Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
9.2011


Franz Krähenbühl :  Dem Klischee unvergesslicher Kreuzfahrten stellt Hans Op de Beeck ein desillusioniertes Abbild entgegen und bedient sich dabei ähnlicher Mechanismen wie die Luxusindustrie. Die Ausstellung ‹Sea of Tranquillity› besteht aus Versatzstücken der gleichnamigen fiktiven Schifffahrtsgesellschaft.


Thun : Hans Op de Beeck, ‹Sea of Tranquillity›


  
links: Hans Op de Beeck · Sea of Tranquillity, 2010, Filmstill © ProLitteris, Zürich
rechts: Hans Op de Beeck · Sea of Tranquillity (Model), 2010, Plexiglas, Textilen, Kunstharz, Glas, Polyurethane, Lichtsystem, Holz, Farbe 180 x 200 x 500 cm © ProLitteris. Courtesy Xavier Hufkens


«Please let me drift away», haucht die schöne Sängerin mit einer warmen verführerischen Stimme ins Mikrofon. Die Jazzband spielt den einlullenden, sentimentalen Song in einer Cocktaillounge auf dem Kreuzfahrtschiff ‹Sea of Tranquillity›. Es ist der einzige Moment von Behaglichkeit und empathischer Nähe in diesem Film, der eine emotional entleerte, kalte und auf funktionale Handlungen reduzierte Atmosphäre zeigt. Die nächtliche Kreuzfahrt in meist düsterem, wortlosen Ambiente zielt nicht auf einen fröhlichen, gesellschaftlichen Austausch, sondern thematisiert vielmehr eine individuelle Reise weg von zwischenmenschlichen Sorgen hin zu einer gefühllosen Gleichgültigkeit. Freudlos und unterstimuliert widmen sich die Gäste dem minimalistischen Mahl, der Kapitän und die Offiziere stehen teilnahmslos auf der Kommandobrücke und starren auf das ebenso beliebige, kontrastlose graue Meer hinaus. Mit seinem bulligen, militärischen Äusseren wirkt das gigantische Schiff wie ein Bunker, der sich gegen jegliche unerwünschten und ungeplanten natürlichen Einflüsse zu verteidigen scheint. Die hermetische schwimmende Kapsel mit den ihrer Emotionen beraubten Gästen und Angestellten wirft Fragen nach dem verbleibenden Wert menschlicher Existenz in dieser gewählten Mittelmässigkeit auf.
Inspiriert vom geschichtsträchtigen Ort seines Atelieraufenthalts in St. Nazaire, der französischen Werftstadt, in der ein paar Jahre zuvor der mit Superlativen bestückte Luxuskreuzer ‹Queen Mary 2› gebaut wurde, entwarf Op de Beeck eine eigene Kreuzfahrtgesellschaft. Anstelle der tatsächlich gebauten, gigantischen Szenerien mit appropriiertem künstlichen Flair und dem Charme französischer Bistros oder italienischer Bars, wurden die virtuellen Illusionen des Belgiers mehrheitlich durch Computeranimationen generiert.
Der Film ist das Herzstück der aufwändig inszenierten multimedialen Ausstellung und gleichsam das Bindeglied zwischen den einzelnen Modellen, fiktiven Relikten und Illustrationen. In Schaukästen ausgestelltes Porzellan trägt das Logo des Unternehmens, und hyperrealistische Figuren des Kapitäns und eines Zimmermädchens zeugen von den hierarchischen Machtstrukturen an Bord. Wände und Boden der Ausstellungsräume sind schwarz gehalten und das Licht ist gedimmt. Herumstehende Kisten vermitteln dem Besucher das unangenehme Gefühl des unerlaubten Betretens einer geschlossenen Szenerie und wecken eine ähnliche Ambivalenz zwischen Neugier und Widerwille wie der visuell packende Film.

Bis: 04.09.2011


Publikation in Vorbereitung.



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2011
Ausstellungen Hans Op de Beeck [11.06.11-04.09.11]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in Franz Krähenbühl
Künstler/in Hans Op de Beeck
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=110817220451A7S-14
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.