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Besprechung
9.2011


Yvonne Ziegler :  Einst war das Automobil des Menschen liebstes Kind, nun wird das wichtigste Kulturgut des 20. Jahrhunderts museal. Gleich zwei Kunsthäuser widmen ihm, 125 Jahre nach der Erfindung des ersten Benz-Patentmotorwagens, eine grosse Schau. «Auto-Kunstwerke» erzählen von Freiheit, Macht, Begehren und Tod.


Basel/Karlsruhe : ‹Fetisch Auto› und ‹Car Culture›


  
links: Superflex · Burning Car, 2008. Courtesy Nils Stærk, Museum Tinguely
rechts: Folke Köbberling und Martin Kaltwasser · Crushed Cayenne, 2008, Gefundenes Holz, 450 × 650 × 200 cm, Galerie Anselm Dreher, Berlin. Foto: Onuk


Das Museum Tinguely stellt unter dem Titel ‹Fetisch Auto. Ich fahre, also bin ich› den magisch-mythischen Gesichtspunkt ins Zentrum und greift gleichzeitig in den in Radform angeordneten Sektionen Aspekte wie Geschwindigkeit, Verkehr und Rückzug auf. Anhand alter Schwarzweissfotografien von Strassenfluchten, Autorennen und Unfällen, aufgenommen von Andreas Feininger, Robert Frank oder Jacques Henri Lartigue, lassen sich die Anfänge des automobilen Zeitalters entdecken. Dem setzen Roman Signer, Zilla Leutenegger und Michael Sailstorfer realen Reifenabrieb, absurden Unfall und Abschied entgegen. Insbesondere Künstler des Futurismus, der Pop Art und des Nouveau Réalisme beschäftigten sich intensiv mit dem Motiv Auto, wie Gemälde von Giacomo Balla, Andy Warhol sowie Skulpturen von John Chamberlain zeigen. Das Auto als sexuellen Fetisch thematisieren mehrere Videos: In ‹Dirty Car› leckt Franck Scurti die Karosserie seines roten Sunbeam-Cabriolets sauber, während Pipilotti Rists Protagonistin auf offener Strasse Autoscheiben mit einer Blume zertrümmert. Das Auto wird weiterhin als formschönen Warenfetisch oder als ‹Religiöser Fetisch› gezeigt. Auf einer Fotografie sieht man Chris Burdens Aktion ‹Trans-fixed›, für die er sich 1974 für kurze Zeit auf einen VW-Käfer kreuzigen liess. Die kategorialen Einordnungen sind etwas unscharf, denn Sylvie Fleurys Motorklötze hätten sich auch unter den Warenfetischen statt bei den sexuell konnotierten Werken befinden können. Ebenso verhält es sich mit Annika Larssons religiös verortetem Video eines Mannes, der sein Auto liebevoll zudeckt.
Die Karlsruher Ausstellung ‹Car Culture. Medien der Mobilität› wählt die Form des Parkplatzes und erweitert das Automobilthema durch eine Präsentation der Entwicklung der Funkmedien bis zum Smartphone, um virtuelle Mobilität zu zeigen. Im Hallenbau stehen ein geteertes und gefedertes Auto von Elmgreen & Dragset, ein halb einbetonierter amerikanischer Schlitten von Wolf Vostell, ein futuristisch anmutendes Gefährt von Zaha Hadid, ein Wurm'sches ‹Fat Car›, Gabriel Orozcos ‹La DS›, zwei hölzerne Crashcars und viele andere spannende Automobilrelikte in Reih und Glied.
Die Ausstellungen machen nachdenklich, denn die Medien der Mobilität gehen mit körperlicher Immobilität einher. Zwiespältige Freiheiten.

Bis: 08.01.2012



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Ausgabe 9  2011
Ausstellungen Car Culture. Medien der Mobilität [18.06.11-08.01.12]
Institutionen ZKM | Zentrum für Kunst und Medien [Karlsruhe/Deutschland]
Autor/in Yvonne Ziegler
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