Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
9.2011


Burkhard Meltzer :  Seit 1979 finden in einem Park oberhalb des ehemaligen Kurorts Bex Skulpturenausstellungen statt. Das erste externe Kuratorenteam versucht nun in dieser von spektakulären Ausblicken und ökonomischen Veränderungen gleichermassen gezeichneten Umgebung das Territorium der Gegenwartskunst abzustecken.


Bex : ‹Bex & Arts, Territoires›


  
collectif_fact · Dropping Bay, 2011. Foto: David Gagnebin-de Bons


Auf dem Weg durch Bex informiert ein Schaufenster über die Aktivitäten der Initiative ‹Alpenbock›, 2008-2021, von Christian Ratti, die langfristig einen Transformationsprozess in der Landschaft begleitet. Abgeholzte Buchenstämme sind bereits 2008 im Park und einem nahe gelegenen Gipssteinbruch zur neuen Heimat des beinahe ausgestorbenen Alpenbockkäfers geworden. Offenbar sehen Pro Natura, das Amt für Biodiversität des Kantons Waadt und der Eigentümer des Steinbruches in den Totholzpfählen und Rattis regelmässigen Führungen ein ökologisches wie ökonomisches Potenzial. Während die skulpturale Arbeit sozusagen an den Käfer ausgelagert wird, macht der Künstler die verschiedenen visuellen und ökonomischen Aspekte dieser Umwandlung sichtbar.
Auch Stefan Burgers ‹Sel de Cuisine›, 2011, erinnert an einen für die Region besonders schmerzhaften Veränderungsprozess: den Niedergang der Salzindustrie seit dem 19. Jahrhundert. Die Metallskulptur mit einer leicht verbeulten, überdimensionierten grünen Kochsalzverpackung aus den Siebzigerjahren thront auf Baumhöhe über einer Wiese. Das integrierte Glockenspiel schlägt regelmässig jene Stunde, die vom Ziffernblatt auf der Packung angezeigt wird. Was auf den ersten Blick wie eine sentimentale Erinnerung im Skulpturenpark-Look wirkt, pflanzt die Melancholie eines suburbanen Platzes auf der Lichtung des Parks ein. Diese atmosphärische Störung bleibt auch für benachbarte Kunstwerke nicht ohne Folgen. ‹Jean-Claude›, 2011, ein mehrfach auf diversen Sockeln gestapeltes Figurenpaar von Claudia Comte aus Holz und Gestein, lässt dagegen in seinen wulstig-phallischen Formen an plakatives Standortmarketing mit Kunst in öffentlichen Räumen denken.
Doch nicht immer schaffen die ortsspezifischen Einflüsse stimmige Kontexte. So verlieren etwa Dunja Herzogs Markierungspfähle, ‹Ruler‹, 2011, neben den von Isabelle Krieg und Meike Dölp an Bäumen und Sträuchern montierten Lebensweisheiten ‹Going for a Thought›, 2011, leider jede Präsenz. Gänzlich an die überdeterminierte Zeichendichte eines Verkehrsparks erinnert die Situation, wenn beide «Lehrpfade» in einer Senke noch auf andere Interventionen von Collectif_fact und Kilian Rüthemann treffen. Dort entsteht trotz ortsspezifischer Arbeiten der Eindruck eines mit autonomen Skulpturen möblierten Parks - eine Idee, die mit den meisten Beiträgen der Ausstellung eigentlich nichts zu tun hat.

Bis: 25.09.2011



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2011
Institutionen Fondation Bex & Arts [Bex/Schweiz]
Autor/in Burkhard Meltzer
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=110817220451A7S-9
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.