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9.2011




Genf : Europunk


von: Alice Henkes

  
links: Jamie Reid · Sex Pistols, God Save the Queen, 1977. © Privatsammlung., Rome-Paris
rechts: Europunk · 1976-1980, Ausstellungsansicht, Mamco


In Deutschland, so maulte Raoul Hausmann in seinem 1924 verfassten Essay ‹Mode›, sei eine Mütze «ähnlich einem Kuhfladen, aus einer Art Treppenläuferstoff». Der Dadaist Hausmann liebte es, sich als Dandy mit Künstlichkeit und Fantasie vom bürgerlichen Mittelmass abzuheben. Radikaler ging 50 Jahre später Punk in Opposition zu allen bürgerlichen Werten. Grellbunte, stachelige, vom Kopf abstehende Haare und Kleider, die mit Sicherheitsnadeln gespickt sind: Das Erscheinungsbild des Punk ist längst selbstverständlicher Bestandteil der westlichen Kultur geworden. Allerdings wird Punk meist als Musikstil, als Jugendbewegung betrachtet und selten als Kunstrichtung. Fabrice Stroun, designierter neuer Direktor der Kunsthalle Bern, spürt in der Ausstellung ‹Europunk› der visuellen Aussagekraft des Punk nach. Seine zuerst in der Villa Medici in Rom gezeigte Schau bringt Plakate und Plattencover ins Mamco, die von ihren meist namenlos gebliebenen Schöpfern nie für solch einen Ort bestimmt waren. Den Sex Pistols im Museum zu begegnen, das irritiert.
Die britische Band The Sex Pistols markierte 1976 in London den Urknall der Punk-Bewegung und jetzt im Mamco den Beginn des Parcours. Neben dem berühmten Cover der ‹God save the Queen›-Single - ein grobkörniges Schwarzweissfoto von Elizabeth II. mit Schriftbalken über Mund und Augen, das Jamie Reid mit deutlichen Dada-Anleihen gestaltet hat - sind auch T-Shirts zu sehen. Walter Benjamin schrieb bereits den Dadaisten eine Nähe zur Mode zu. Ähnliches gilt für Punk, und nicht zufällig gehört die Modedesignerin Vivienne Westwood zu den Geburtshelfern der Punk-Bewegung. Umgekehrt trafen sich in und um rasch entstehende Bands wie The Clash, The Damned, The Stranglers zahlreiche Kunststudenten. So findet sich beispielsweise auch ein Fotoaufkleber von Martin Kippenberger mit der Aufschrift: «Dieser Mann sucht eine Frau» und der Adresse des Künstlers.
Die im Mamco ausgestelten Poster, die billig hergestellten Fanzines und Comics zeigen eine witzige und provokative Gegenästhetik, eine Antikunst, die im Sinne Duchamps gesellschaftliche und politische Veränderungen bewirken wollte. Nicht ohne Ironie zeichnet die Ausstellung nach, wie die politisch engagierte Band The Clash von einer jüngeren, extremeren Gruppe wie Crass als «bourgeois» abgewatscht und Radikalität zum starren Dogma wird.

Bis: 18.09.2011



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Ausgabe 9  2011
Ausstellungen Europunk [08.06.11-18.09.11]
Institutionen Mamco Genève [Genève/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
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