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Fokus
10.2011


 In ihren Installationen und Objekten lässt Vanessa Safavi Mo­tive, Objekte und Materialien aus unterschiedlichen Kulturen auf­einanderprallen und reflektiert dabei auf erfrischende Weise un­sere Vorstellungen von Exotik und vom Fremden. Dass ihre Wer­ke weder moralistisch noch kulturpessimistisch wirken, liegt an der nonchalanten Art, wie sie Gegensätzliches zusammenbringt, und an der klugen Ironie, mit der sie das gemeinsame Potenzial unterschiedlicher Elemente auslotet. Zurzeit bespielt die junge Künstlerin das Kunsthaus Glarus mit einer grossräumig angelegten Einzelausstellung.


Vanessa Safavi - Mehr als Papageien und Bananenbäume


von: Christiane Rekade

  
links: Les Figures Autonomes, 2011, Eisen, Farbe, variable Dimensionen, Kunsthaus Glarus. Foto: David Aebi
rechts: Freizeit ist mein Leben , 2009, Spiegel, Holz, getrocknete Flammenbaum-Bohne, 110 x 40 cm, Courtesy Galerie Chert, Berlin


Beyoncé inszeniert sich im Video zu ihrer vor Kurzem erschienenen Single ‹Run the World› als Anführerin einer Frauen-Revolte zwischen Löwen und wilden Pferden. Mit einer 200 Frau starken afrikanischen Tanztruppe tanzt die amerikanische Sängerin gegen eine bewaffnete Männer-Armee an. Die Popikone mischt afrikanische Stammestänze und eine bürgerkriegsähnliche Wüstenszenerie mit Outfits von Alexander McQueen und Jean Paul Gaultier, «ein bisschen afrikanisch, ein bisschen elektronisch und futuristisch» (Beyoncé).

Pop und Minimal, Exotik und Alltag
‹Freizeit ist mein Leben› betitelte Vanessa Safavi 2009 eine minimale Komposition aus einem gefundenen Spiegel mit Garfield-Aufdruck. Das Objekt steht auf einem horizontal an der Wand befestigten, gelben Besenstiel, auf welchem eine dunkelbraune, etwas krumme, getrocknete Bohne eines Flammenbaumes liegt. Das Bild auf dem Spiegel zeigt einen sich auf einem Liegestuhl flätzenden Garfield mit einem Drink in der Hand. Der lockere Gedanke in einer Sprechwolke über seinem Kopf ist gleichzeitig der Titel der Arbeit: ‹Freizeit ist mein Leben›. Ein bisschen Pop, ein bisschen Minimal, ein bisschen Exotik und eine gute Portion Ironie - präzise gewählt und formal durchdacht.
Vanessa Safavi beschäftigt sich mit dem Umgang und dem Einfluss von fremden Kulturen im Alltag und in der zeitgenössischen Kunst: «Ich bin speziell interessiert am Geheimnis und der sozialen Problematik von Entfremdung und Identität in der Geschichte der Menschheit und der Entwicklung der Rassen», erläutert die in Lausanne geborene Künstlerin mit persischen Wurzeln. «Meine Erfahrungen, die ich durch Beobachtungen, Reisen und Multikulturalismus mache, bringen mich dazu, diese Überlegungen in die Kunst zu tragen, zu sehen, was etwa der Primitivismus oder Kubismus von der afrikanischen Kunst entliehen hat und auch wie die zeitgenössischen Künstler heute damit umgehen.»
Das Garfield-Objekt reflektiert nicht nur die Klischee-Vorstellungen eines Künstler/innenlebens, sondern spielt mit der getrockneten Bohne auch auf die Bilder von Exotik an, denen wir täglich begegnen.

Afrika Style und Ethno Glam
Afrikanische und andere exotische Objekte sind in unserem Alltag allgegenwärtig: in den Sonnenuntergangs-Postern, den Tierfellen vor dem Kamin, den pseudoafrikanischen Masken auf den Bücherregalen oder den Bambustöpfen auf der Terrasse. Wohlfühlästhetik und Ethnolook scheinen zusammenzugehören. Solche Erscheinungen beobachtet Safavi mit Präzision und untersucht sie in ihren Objekten und Installationen mit grosser Sensibilität für die Materialien: Die seltsame Ästhetik von Wartezimmern etwa setzte sie in ihrer Installation ‹Successes and Traumas›, 2010, für das Palais Bleu in Trogen um. Bambusstangen, Gymnastikbälle, Stapel von Illustrierten und an Rorschachtests erinnernde Silikonbilder auf Jute-Untergrund reflektierten in den Räumen des ehemaligen Krankenheimes Gesundheitswahn, die Sehnsucht nach Natur und einem einfacheren Leben. Gleichzeitig war das Arrangement so minimalistisch und reduziert, dass es Interpretationen in verschiedenen Richtungen offen liess. Mit ihren Materialien und deren Kombination erinnern Safavis Installationen an die Arte Povera. Was sie ebenfalls mit den Italienern der Sechziger- und Siebzigerjahre verbindet, ist der Humor und die Abstraktion, mit denen Safavi so sensible politische Themen wie Rasse, Identität oder Fremdheit darstellt.

Die Wüste in Glarus
Für die Installation ‹Plenty of None›, 2010, die Safavi in der Galerie Chert zeigte, bedeckte sie den Boden der Berliner Galerie mit weissem Sand, auf den sie verschiedenfarbige Kleidungsstücke legte. «Ich war schon immer fasziniert von der Wüste», sagt Safavi. «Sie ist ein weiter, offener Raum mit der speziellen Kraft, starke Gefühle hervorzurufen. Sie ist eine tote Landschaft und gleichzeitig ein leerer Raum, der seit jeher die Menschen mit ihren Utopien aufnimmt.» Im Kunsthaus Glarus, wo Vanessa Safavi zurzeit ihre erste institutionelle Einzelausstellung ‹Resorts› präsentiert, füllt ebenfalls eine Sand-Installation einen der drei Ausstellungsräume, ‹Real Life is Elsewhere›, 2011. Aus der stillen Fläche erheben sich da und dort kleine amorphe Sandskulpturen. Die kraftvolle (Land Art-)Geste, welche die Wüste in den Ausstellungsraum bringt, bricht Safavi mit abstrakten Mini-Skulpturen, die sich - für archaische Ruinen zu klein und für magische Anordnungen zu unregelmässig - gegen den mächtigen Raum auflehnen.
Neben der Sandinstallation präsentiert Safavi eine neue Werkgruppe mit Skulpturen aus bemalten Stahlstäben. Sie sehen aus wie abstrakte Zeichnungen im Raum, zudem klingen menschliche Formen an. Die Skulpturen wirken totemhaft und erinnern gleichzeitig an postmoderne Kleiderständer in Menschenform. Auf eine primitive Repräsentation bezieht sich die Künstlerin auch in der zweiten Werkgruppe, den sogenannten ‹Cavepaintings›, eine Art Collagen aus Plexiglas und Lederstücken. «‹Cavepaintings› nenne ich sie, weil sie formal und auch durch das Material archaisch anmuten», erklärt die Künstlerin, «Tierhäute sind ja auch die einfachste oder eben primitivste Art, die Formen der Tiere darzustellen.» Safavi zeigt die ‹Cavepaintings› zusammen mit kleineren Objekten - etwa einem bunten, ausgestopften Papagei in einer Glasvitrine. Ein möglicher Hinweis auf die Themenparks und Zoos, in denen ferne Welten nach unseren Vorstellungen inszeniert werden.

Tropicália
«Der Mythos des Tropikalismus ist viel mehr als Papageien und Bananenbäume», heisst es in einem der zahlreichen thesenhaften Texte von Hélio Oiticica, dessen Installation ‹Tropicália›, 1967, aus Sand, tropischen Pflanzen in Töpfen und Strandkabinen einer der wichtigsten lateinamerikanischen Kunstströmungen den Namen gab. Die Protestbewegung, die Ende der Sechzigerjahre aus dem Geist einer kritischen Aneignung von Kunst- und Modeströmungen aus der Ersten Welt und ihrer Verbindung mit der brasilianischen Kultur entstand, umfasste verschiedene Kunstrichtungen und Stile und arbeitete mit Widersprüchen und paradoxen Gegenüberstellungen, um vor allem dem dominierenden eindimensionalen Kulturverständnis des herrschenden Militärregimes entgegenzuwirken.
Die Poesie von scheinbar paradoxen Gegenüberstellungen offenbart sich immer wieder in den Arbeiten Safavis. Im Rahmen ihres Pro Helvetia-Atelierstipendiums in Kapstadt, Südafrika, zeigte sie eine Neoninstallation: Dünne, pastellfarbige Neonröhren in der Form von zwei aneinanderhängenden Bögen - wie die Strichzeichnung eines fliegenden Vogels: ‹The best fisherman is not the one who catches the most fish but the one who enjoys fishing the most›, 2011.

Christiane Rekade ist Kuratorin, lebt in Berlin und betreibt mit Simone Neuenschwander den unabhängigen Ausstellungsraum OSLO10 in Basel.


Bis: 30.10.2011


Vanessa Niloufar Safavi (*1980, Lausanne) lebt seit 2008 in Basel und Berlin

2003 - 2007 ECAL/Ecole cantonale d'art de Lausanne bei Francis Baudevin, John Armleder und Julien Fronsacq

Einzelausstellungen (Auswahl)
2010 ‹Between a Tree and a Plastic Chair›, Chert, Berlin; ‹Wandering Works›,
Claudia Groeflin Galerie, Zürich; ‹Successes and Traumas›, Le Palais Bleu, Trogen
2009 ‹NEO›, Naphtaline, Lausanne
2008 ‹DOM-TOM›, zwanzigquadrameter, Berlin

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2011 ‹No More Ice Cream›, Blank Projects, Kapstadt; ‹Livingroom Exotica›, Kunsthaus Glarus
2010 ‹That's all Folklore›, CRAC Alsace, Altkirch; ‹Strange Comfort›, Kunsthalle Basel;
‹En Miroir, Projection sur le folklore›, Kunsthalle Fri-Art, Fribourg
2009 ‹All The Girls Standing In The Line For The Bathroom›, Artnews Project Space, Berlin
2008 ‹If it's a bird, shoot it!›, In Practice projet, Sculpture Center, New York



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Ausgabe 10  2011
Ausstellungen Vanessa Safavi [03.10.10-14.11.10]
Institutionen Le-lieu/Palais Bleu [Trogen/Schweiz]
Autor/in Christiane Rekade
Künstler/in Vanessa Safavi
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