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Fokus
10.2011


 Die Natur und ihre Beschaffenheit sind das zentrale Thema, dem sich Marianne Engel seit rund zehn Jahren in ihren Fotografien, Objekten und Installationen widmet. Sie verfolgt dabei einen Weg, der auf einer starken Verbundenheit mit dem Un­tersuchungsfeld gründet und dessen ontologische Dimensionen er­kundet. Für dieses Werk, dessen Faszination sich einem eigen­tümlichen Schwebezustand von Präsenz und unterschwellig Ge­heimnisvollem verdankt, wurde die Künstlerin mit dem Manor Kunstpreis Aarau ausgezeichnet.


Marianne Engel - Auf der Suche nach dem Wesen der Dinge


von: Irene Müller

  
links: Lizard, 2007, Fotografie zwischen Acryl, 75 x 50 cm, Edition AP
rechts: Bedeutungsfeld, 2011, Installation, diverse Materialien, Masse variabel


Wer letztes Jahr die Ausstellung ‹Forst› im Kunstraum Baden besuchte, fand sich in einem dunklen Raum wieder, akustisch umhüllt von Nachtgeräuschen des Waldes und dem Rascheln der eigenen Schritte auf dem mit Häcksel bedeckten Boden. Sobald sich die Augen angepasst hatten, enthüllte sich ein Waldstück mit im Dunkeln aufleuchtenden Wurzelstrünken, Ästen und Bonsais, aufgelockert von schimmernden, gross-schirmigen Pilzen und einem Käuzchen. Mit dieser Arbeit entwarf Marianne Engel ein Setting, das den Besucher/innen nicht nur das räumlich-atmosphärische Erleben einer stimmungsvoll arrangierten Naturszenerie bot, sondern auch die Annäherung an ihre künstlerische Praxis. Die Streifzüge durch den Wald, über Feldwege und entlang von Gewässern und Landstrassen sind Teil des Arbeitsprozesses der Künstlerin, bei diesen Spaziergängen trifft sie auf die Situationen und Dinge, die sie fotografiert oder sammelt. Es sind Momente, in denen die Rezeptoren so weit offen sind, dass sie nicht nur das Beobachtete oder Gefundene erfassen, sondern bis zu der feinen Membran vordringen, an der sich ein Blick hinter die Dinge eröffnet, über das Eindeutige und Fassbare hinaus.

Spurensicherung
In den Fotografien von Marianne Engel treten uns Pflanzen, Tiere oder Artefakte entgegen, eigentlich unspektakuläre Motive, die jedoch aufgrund der Aufnahmetechnik (lange Belichtungszeiten und reduzierte, pointiert gesetzte Lichtquellen) immer etwas geheimnisvoll wirken. Oft schluckt der dunkle Umraum den Kontext, Bewegung ist in diffuse Materie verwandelt, die intensive Farbigkeit und Schärfe verleihen den Bildgegenständen eine fast schon unwirkliche «Hyperrealität». Engel spürt intuitiv dem schmalen Grat nach, an dem sich in den Bildern ein Zustand offenbart, der jenseits alltäglicher Sehgewohnheiten liegt, der Aspekte aufscheinen lässt, die - ausgehend von der sinnlichen Wahrnehmung - in gedanklich-philosophische Kategorien ausgreifen. So geht mit dieser Vorgehensweise einerseits eine dezidiert subjektive Sicht auf die Welt einher, andererseits artikuliert sich darin auch die Auffassung, dass sämtliche Dinge und Lebewesen eine unzweifelhafte Daseinsberechtigung sowie eine selbstverständliche und gleichrangige Koexistenz besitzen.
Dieses Herantasten an den Moment, in dem sich die Gegenstände in ihrer reinen Präsenz und Wesenhaftigkeit manifestieren, kennzeichnet auch die objekthaften und installativen Arbeiten respektive die unlängst begonnene Gruppe der Pflanzenreliefs. Gerade Letztere weisen nicht nur visuell, sondern auch konzeptionell Ähnlichkeiten mit dem fotografischen Prozess auf; auch hier nimmt die Bilderstellung den Weg über ein den unmittelbaren «Natureindruck» konservierendes (Wachs-)Negativ, das wiederum mit Epoxydharz ausgegossen wird. Engel setzt phosphoreszierende Pigmente ein, die auf der dunklen Relieffläche verschiedenfarbige Leucht-Akzente freisetzen, die je nach Aufladungsgrad und Lichtsituation eine unterschiedliche Intensität und Dauer entfalten. Der differenzierte Einsatz von Belichtung und Lumineszenz verleiht medial so unterschiedlichen Fotoarbeiten wie ‹Schleimpilz› und ‹Bärenklau› nicht nur ihre enigmatische Anmutung. Die Künstlerin legt damit auch eine subtile Spur zu einem ihrer grundlegenden Ansatzpunkte, dem Versuch, über das Tatsächliche und das Evidente hinauszublicken.

Vom Werden und Vergehen
Obwohl Engel in den letzten Jahren einige Installationen realisiert hat, bot die Ausstellung im Aargauer Kunsthaus nun erstmals die Gelegenheit, ihre vielfältigen Sammlungen an Fundstücken mit Möbeln, Arbeiten befreundeter Künstler/innen sowie eigenen Werken in grössere Zusammenhänge einzubinden. Naturalia und Artificialia stehen in Vitrinen, auf Tischen oder Sockeln wertfrei nebeneinander: Giftig wirkende Pilzabgüsse umringen grünlich schimmernde Bonsais, Rattennester, Äste, getrocknete Fruchtschalen oder Blätter und verschiedene Behältnisse gesellen sich zu präparierten oder in Spiritus konservierten Kleintieren. Ein Sammelsurium, das in seinem sorgfältigen Arrangement eine Zusammenschau von unterschiedlichen Daseinsformen und deren «Überlieferungszuständen» bietet.
Zugleich suggeriert dieses Neben- und Miteinander aber auch eine innere Verbindung der Gegenstände, die über deren individuelle Bedeutung für die Künstlerin hinausreicht und einmal mehr die Frage nach ihrer Wesenhaftigkeit, nach ihrer ontologischen Verfasstheit aufwirft. Mit ‹Kleines Hausmuseum› und ‹Bedeutungsfeld› entwirft Marianne Engel installative Dispositive, die sowohl ihre Auffassung einer subkutanen Affinität dieser Objekte verdeutlichen als auch zu existenziellen Fragen herausfordern. Wie ist unser eigenes Verhältnis zur Natur, zu ihrem Kreislauf von Werden und Vergehen beschaffen? Welche Gedanken verbinden wir mit dem Übergang von Leben und Tod? Die Arbeiten liefern keine Antworten, sondern geben vielmehr den Impuls, über die eigene Schulter zu blicken und das dabei Erfahrene als Möglichkeit einer anderen, erweiterten Sicht auf die Welt in Betracht zu ziehen.
In der aktuellen Ausstellung entwickelt Marianne Engel aber nicht nur ihr installatives Repertoire weiter, sondern verknüpft diese Konzeption gleichzeitig mit einer dramaturgisch-szenografischen Geste. In den drei Räumen vollzieht sich eine sukzessive atmosphärische Verdichtung, die von der eher neutralen, fast schon wissenschaftlich geprägten Auslegeordnung im Eingangsbereich in einen zweiten Raum führt, der hinsichtlich der Lichtregie und Anordnung der Arbeiten bereits Facetten einer «emotionalen Aufladung» und räumlich-assoziativen Verschränkung aufweist.
Am Ende dieses Parcours betreten die Besuchenden einen vollständig abgedunkelten Raum, in dessen Mitte sich auf einem Sockel der aus Reliefplatten gefügte ‹Sarkophag› erhebt. Lichtblitze flitzen wie Irrlichter über die Decke, ihr Ursprung bleibt aber ebenso im Dunkeln wie das Innenleben des monumentalen Quaders, dessen Dimensionen hauptsächlich durch die Leuchtspuren der Ranken und Blüten auf den Seitenflächen erfahrbar werden. Hier, angesichts des scheinbar entmaterialisierten Objekts, das im Raum zu schweben scheint, findet das Staunen seinen Ort - über das Unerwartete dieses Moments, über die Vielfalt der Erscheinungs- und Wesensformen der Natur, über all jene Aspekte, die zwar abstrakt-rational analysiert und beschrieben werden können, auf der Ebene der individuellen Erfahrung jedoch immer etwas Unbegreifliches, etwas Wunderbares in sich bewahren.

Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, freie Kuratorin und Autorin, lebt und arbeitet in Zürich.

Bis: 06.11.2011


Marianne Engel. Manor Kunstpreis 2011›, Aargauer Kunsthaus, Aarau, bis 6.11. Buchvernissage und Künstlergespräch mit Claudia Spinelli, Sandi Paucic und Katrin Weilenmann, 13.10., 18.30 Uhr

Marianne Engel (*1972, Wettingen) lebt und arbeitet in Etzwil, Mandach und Zürich

1996-2001 Universität Zürich, Studium der Biochemie mit Diplom-Abschluss
1994-1995 Universität Zürich, Kunstgeschichte

Einzelausstellungen (Auswahl)
2010 ‹Forst›, Kunstraum Baden
2009 Marks Blond Project, Bern; ‹Robert Mondavi Art Prize›, Rotwand, Zürich
2007 ‹Langer Tage leuchtend Sommerkraut›, Forum Vebikus, Schaffhausen
2005 Galerie staubkohler, Zürich; ‹Durch die Dämmerung in die Nacht›, Galerie Dorfplatz, Mogelsberg
2003 ‹Utoparch›, Photogalerie 94, Ennetbaden

Publikationen
‹Marianne Engel - Transition›, hrsg. Katrin Weilenmann und Aargauer Kunsthaus, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2011
‹Marianne Engel›, Collection Cahiers d'Artistes, hrsg. von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Luzern/Poschiavo: Edizioni Periferia, 2009



Links

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Ausgabe 10  2011
Ausstellungen Marianne Engel, Mohéna Kühni, Dieter Roth [19.08.11-06.11.11]
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Irene Müller
Künstler/in Marianne Engel
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