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Fokus
10.2011


 Überall mag es Kunst am Bau geben, aber nur in München gibt es ‹Quivid›: Eine Wortschöpfung von Adib Fricke, die sämtliche städtische Aktivitäten in Sachen Kunst und Bau des Münchner Baureferats umfasst. Stattliche zwei Prozent der Baugelder fliessen dabei in die Kunst!


Rita McBride, Rosemarie Trockel - Längsachsen und Drehmomente im öffentlichen Raum


von: Roberta, De Righi

  
Rosemarie Trockel/Catherine Venart/Topotek1 · Quartiersplatz, Theresienhöhe (Bahndeckel), 2010, Landschaftsskulptur mit bis zu 3 Meter hohen Grashügeln, Courtesy quivid, München © ProLitteris. Foto: Wilfried Petzi


2010/11 wurden in diesem Rahmen zwei sehr unterschiedliche Grossprojekte fertiggestellt: Schon aufgrund ihrer Dimensionen erregt Rita McBrides ‹Mae West› genannte 52 Meter hohe Konstruktion Aufmerksamkeit. Keine vertikale Stadtmarke, sondern ein Platz-Kunstwerk ist der neu gestaltete ‹Bahndeckel›, eine Gemeinschaftsarbeit von Rosemarie Trockel mit den Landschaftsarchitekten Topotek1.
‹Mae West› setzt zwischen Reihenhäuschen und den Hochhäusern des Arabellaparks einen Akzent. Ihre Form, die an ein Bündel gedrehter Mikadostäbe erinnert, entspricht einem einschaligen Hyperboloid. Dessen wespentaillenartige Einschnürung ist der Grund für die verbale Reminiszenz an die amerikanische Filmgöttin. Manch ein Münchner hätte sich zwar lieber ein Denkmal für Karl Valentins Partnerin Liesl Karlstadt als die konstruktivistische US-Diva gewünscht. Dabei war die Bennennung ein Trick von McBride, um ihren umstrittenen Entwurf den barockverwöhnten Münchnern greifbar werden zu lassen. Es funktionierte, statt der Budgetkosten von 1,5 Mio € wurde die Formvollendung von ‹Mae Wests› Kurven diskutiert - auch wenn das Hyperboloid gar keine Kurven, sondern nur Schnittstellen von Geraden aufweist.
Ebenfalls markant, wenn auch in der Horizontalen, ist der ‹Quartiersplatz Theresienhöhe›. Dass der 300 Meter lange und 50 Meter breite ‹Bahndeckel› aus Beton nicht bebaut und nur am Rande bepflanzt werden konnte, machte die Aufgabe nicht leicht. Trockel und Topotek1 lösten sie, indem sie den Ort in klarem Bewusstsein seiner Künstlichkeit neu definierten. Für ihre synthetische Landschaft fügten sie nach dem Motto «Vorne das Meer, hinten die Berge» auf der einen Seite Sanddüne, Kiefernwald und Gischt, auf der anderen sanft geschwungene Grashügel als stilisierte Natur-Zitate zusammen, die an das hügelige Voralpenland und an den windumtosten und schattenarmen Streifen zwischen Land und Meer erinnern. Zwei langgestreckte Klettergerüste im Sand, Trampolins, Pauschenpferde und Nebelduschen bieten Spielmöglichkeiten für die Kinder. Die abwechslungsreiche Gestaltung des Geländes macht den Platz aber auch reizvoll für Flaneure. Dass man im echten Sand falsche Dünen aus beigem Gummi findet und dass es sich beim grünen Bewuchs teils um Kunstrasen und teils um Wiese handelt, offenbart das ironische Spiel mit Wirklichkeit und Imitat. Und wie nebenbei gibt diese Fake-Landschaft einem Neubauviertel ohne Kirchturm und Marktplatz eine Mitte - wer den Platz nach Schulschluss oder am Wochenende besucht, merkt, dass er tatsächlich funktioniert - wenn auch nicht bei Gluthitze.

Roberta De Righi (*1971), Kunsthistorikerin und freie Journalistin in München.



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Ausgabe 10  2011
Autor/in Roberta, De Righi
Künstler/in Rosmarie Trockel
Künstler/in Rita McBride
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