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Fokus
10.2011


 Schweizer Grafikdesign ist weltweit führend. Der Preis für ‹Die schönsten Schweizer Bücher› ist die bedeutendste Auszeichnung für Gestalterinnen und Gestalter. Nun ist auch dieser traditionsreiche Wettbewerb, diese wichtige Förderplattform von Sparmassnahmen betroffen.


Förderpolitik — Der verkannte Schönheitswettbewerb


von: Nadine Olonetzky

  
Anisha Imhasly, Koordinatorin des Wettbewerbs, BAK, staziun Lavin, 2011. Foto: Marion Nitsch


Schweizer Grafikdesign hat international einen exzellenten Ruf. Wenn man so will, zählen Typografie und Buchgestaltung zu den Exportgütern unseres Landes; sie tragen auf jeden Fall zu einem positiven Image der Schweiz bei. Das liegt nicht nur an der Ausbildung der Gestalterinnen und Gestalter, sondern auch am jährlichen Wettbewerb ‹Die schönsten Schweizer Bücher›. Innerhalb der 32 nationalen Wettbewerbe für Buchdesign sticht der 1943 vom Typografen Jan Tschichold ins Leben gerufene Schweizer Wettbewerb durch das ausgesprochen hohe Niveau heraus. Das kann alljährlich auch an der Leipziger Buchmesse beobachtet werden, wo die Resultate des seit 1963 durchgeführten internationalen Concours ‹Schönste Bücher aus aller Welt› gezeigt werden. Schweizer Verlage und Gestalter nehmen dort regelmässig eine der Medaillen entgegen, wobei 2009 ein besonders ertragreicher Jahrgang war: Der Verlag edition fink holte die Goldmedaille für Thomas Gallers ‹Walking through Baghdad with a Buster Keaton Face›, der Verlag Kontrast eine Silbermedaille für ‹Die Stimme der Natur. 100 Jahre Pro Natura›, JRP Ringier bekam Bronze für ‹Voids. A Retrospec­tive› und Kodoji Press ein Ehrendiplom für die Monografie ‹Jules Spinatsch›.

Ansporn zu Höchstleistungen
Auch wenn keine Preisgelder zu bekommen sind - ambitionierte Grafikdesigner wollen die Auszeichnung als Gütesiegel. Die fünfköpfige Jury, bestehend aus Grafikdesignern aus dem In- und Ausland, hatte letztes Jahr knapp 400 Eingaben zu bewältigen. Insbesondere Newcomer der Gestaltergilde ziehen los, das Buch neu zu erfinden und damit Ruhm und Ehre zu gewinnen. Georg Rutishauser von edition fink meint: «Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt deutlich: Schöne Bücher machen Schule. Die im Wettbewerb ausgezeichneten Titel werden in Fachkreisen sehr genau studiert. Konzeptionelle, gestalterische, aber auch neue technische Lösungen werden für eigene Projekte adaptiert und weiterentwickelt. Damit wird der Wettbewerb zu einer Art Plattform für die (Weiter-)Entwicklung der Vorstellung dessen, was ein Buch sein kann.» Dominierten von 1950 bis 1996 Gewerbetreibende und Verbände die Schweizer Jury - Schriftsetzer, Drucker, Lithografen und Buchbinder, aber auch Verleger und Buchhändler -, begann sich die Aufmerksamkeit ab 1996 klarer von den technischen zu den gestalterischen Qualitäten zu verschieben. Und ab 1999, als das Bundesamt für Kultur (BAK) den Wettbewerb übernahm, fokussierte die Jury noch pointierter auf innovative Gestaltung.
Anisha Imhasly, seit 2008 im BAK zuständig für die Organisation des Wettbewerbs, betont, wie wichtig es heute ist, diesen nicht nur durchzuführen, sondern die Perlen des Buchdesigns einem internationalen Publikum vor Augen zu führen. Die ausgezeichneten Bücher werden deshalb in einer Wanderausstellung präsentiert und seit 1950 in einem dokumentierenden Katalog, ab 1999 in einem mehrsprachigen, durchaus kostspieligen Buch zusammengefasst. Dieses Buch der schönsten Bücher wird heute in vielen Verlagen und Gestalterateliers bei Fragen zu Typografie oder Papierwahl als Referenzbuch zur Hand genommen. Sogar wenn es wieder bescheidener produziert wird: Als Marketinginstrument sind die Jahrbücher ein Erfolg. «Die internationale Ausstrahlung in einem - zugegeben kleinen Umfeld - hat in den letzten Jahren stark zugenommen», meint etwa der Gestalter Bruno Margreth, der die Auszeichnung achtmal bekam.
Doch mit dem Inkrafttreten des neuen Kulturförderungsgesetzes 2012 und der damit verbundenen Umverteilung der Kompetenzen und Fördergelder zwischen BAK und Pro Helvetia gerät auch der traditionsreiche Wettbewerb in Schieflage. Bereits für das Jahr 2011 wurde das Budget von CHF 160'000 auf CHF 130'000 gekürzt. Und auch die ebenfalls gefährdeten fünfzig Stellenprozente sind äusserst knapp bemessen, immerhin gilt es die Jurierung durchzuführen, die ausgezeichneten Bücher auszustellen sowie das Jahrbuch herauszugeben, das so etwas wie den Zeitgeist des aktuellen Buchdesigns widerspiegelt. Kürzt man den vergleichsweise bescheidenen Etat des Wettbewerbs, spart man wenig, schadet aber dem Ansehen. «Gestalter aus Deutschland sind regelrecht eifersüchtig auf «Die schönsten Schweizer Bücher», weil hier wirklich innovatives Design gefördert, die Speerspitze der Gestalter ausgezeichnet wird», sagen Claudio Barandun und Megi Zumstein, die in Luzern ihr Büro haben und bislang dreimal ausgezeichnet wurden. Auch für Verleger und Herausgeberinnen von Büchern ist die Auszeichnung ein Ansporn. Innovatives zu ermöglichen, so weit es der finanzielle Rahmen erlaubt, gehört zu den schönen Seiten der Buchproduktion, auch wenn eine Auszeichnung in den seltensten Fällen zu höheren Verkaufszahlen führt.

Positive Kulturbotschafter

Zwar haben Literaturverlage genauso gute Chancen, einen Preis für ihre Bücher zu bekommen - die sorgfältig hergestellten Leinenbände des Dörlemann Verlags etwa sind längst preiswürdig - doch vor allem bei Kunst-, Fotografie- und Architekturbüchern ist der Wettbewerb in vollem Gang. Köngisdisziplin sind die Monografien, bei denen es zu einer engen kreativen Zusammenarbeit zwischen Künstler oder Künstlerin, Gestalterbüro und Herausgeberschaft kommt. Bilder und Texte können in einen aufregenden Dialog treten, das Buch wird zum ganz eigenständigen Präsentationsraum, zum ganz besonderen Objekt, bei kleinen Auflagen mitunter zu einer Art Multiple.
Kritiker werden einwenden, der Wettbewerb für ‹Die schönsten Schweizer Bücher› sei eine Insider-Angelegenheit, die nur Gestalter und Künstlerinnen, ein paar design­verrückte Verleger und einige wenige Buchdrucker interessiere. Doch das wäre eine unzulässige Verkürzung. Wie andere Gestalter sagen auch Claudio Barandun und Megi Zumstein: «Das gegenseitige Anstacheln wirkt sich auf die gesamte Branche aus», auf Plakatgestaltung, Zeitschriften- und Verpackungsdesign. Doch was hier vor allem zählt: Im Zeitalter von Billigst-Taschenbüchern, I-Pad und Kindle haben nur noch wirklich aussergewöhnlich gestaltete Bücher, die in Bildplatzierung und Typografie, Papierwahl und Bindeart den Mut zum Ungewohnten beweisen, überhaupt eine Chance, als etwas Eigenständiges und Wertvolles wahrgenommen und gekauft zu werden. Die Schweizer Förderung des Buchdesigns kostet fast nichts. Doch sie bewirkt viel. Richtig an die Öffentlichkeit gebracht, führt sie nicht nur zu schönen Büchern. Sie hilft, das Kulturgut Buch neben den High-Tech-Gadgets neu zu positionieren, zu beleben. Als positive Kulturbotschafter unseres Landes entwickeln ‹Die schönsten Schweizer Bücher› in aller Welt ihre Wirkung. Das wird von der Politik offensichtlich unterschätzt.

Nadine Olonetzky (*1962, Zürich) schreibt u.a. für die NZZ am Sonntag über Fotografie, Kunst und kulturgeschichtliche Themen, ist Lektorin im Verlag Scheidegger & Spiess in Zürich und Herausgeberin mehrerer Bücher.


Aktueller Katalog: ‹Die schönsten Schweizer Bücher›, 2010 swissdesignawards.ch/beautifulbooks



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Ausgabe 10  2011
Autor/in Nadine Olonetzky
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