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Besprechung
10.2011


Roberta, De Righi :  Man kennt diesen Moment peinlicher Ergriffenheit, wenn plötzlich im öffentlichen Raum, mitten in einer Menschenmenge, laut eine Stimme ertönt: der normale Wahnsinn im Zeitalter des Mobiltelefons. Diese Irritation lieferte die Idee für Olaf Nicolais ‹Escalier du Chant› in der Pinakothek der Moderne.


München : Olaf Nicolai, ‹Escalier du Chant›


  
Olaf Nicolaï · Escalier du Chant, Treppe zum 1. Obergeschoss in die Sammlung Moderne Kunst, 2011 © ProLitteris. Foto: Sybille Forster


Es gibt in diesem spartenübergreifenden Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts eine gewaltige Treppe, auf die in den letzten Jahren bereits zwei Münchner (Olaf Metzel und Benjamin Bergmann) mit temporären Kunstwerken reagierten. Jetzt konterkariert der Berliner Olaf Nicolai (*1962, Halle/Saale) diesen «exzentrischen Raum» (Nicolai) mit einer ephemeren Installation und testet seine Qualitäten als Resonanzkörper für die Musik der Gegenwart.
Weil Nicolai die asymmetrische Anlage als «starken visuellen Ort» wahrnahm, suchte er nach einem «Element der Transformation», das nicht in «Konkurrenz zur Architektur» tritt. So kam der Künstler, der in Germanistik promovierte und dessen konzeptueller Ansatz stets unterschiedliche Medien einbezieht, auf die elementarste Ausdrucksform: die menschliche Stimme.
Nicolai bat zwölf internationale Komponisten, für jeden Monat dieses Jahres ein «politisches Lied» zu komponieren, das Bezug auf das aktuelle Zeitgeschehen nimmt. Ihre Kompositionen werden nun ein Jahr lang an einem Sonntag im Monat vorgetragen. So entsteht im Laufe des Jahres eine Art gesungene Chronik von 2011. Bis zu vier Sänger der Stuttgarter ‹Neuen Vocalsolisten› interpretieren die Stücke, die zwischen klassischem Lied und Lautmalerei changieren, a cappella. Für den ersten Sonntag setzte sich Rolf Riehm in ‹Zwei Frauen› mit Lady Gaga und der wegen Ehebruchs zur Steinigung verurteilten Iranerin Sakineh Mohammadi Ashtiani auseinander. Bei James Saunders steht nicht der Gesang, sondern die Strategie seiner Verbreitung im Mittelpunkt: Er greift die Organisationsstruktur britischer Studentenproteste auf, sein Notenblatt ist eine Anleitung zum Mitmachen.
‹Escalier du Chant› setzt Fluxus und die politisch geprägte Musik der Sechzigerjahre fort. Nicolai nimmt zugleich wörtlich Bezug auf Duchamps ‹Akt, eine Treppe herabsteigend› von 1912: Duchamp erweiterte die Malerei ins Filmische durch die Darstellung des Bewegungsablaufes im Raum. Der Gesang auf der Treppe ergänzt die bildende Kunst durch Musik. Bei beiden spielt der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle.
Diese immaterielle Kunst ist auf der monumentalen Treppe von aufreizender Flüchtigkeit. Im Museum bleibt jede Klang-Aktion einmaliges Ereignis, dokumentiert nur durch jeweils ein Plakat. Doch Olaf Nicolai ist ein Meister der Dialektik - und ein Kunstproduzent im vollen Bewusstsein der medialen Reproduzierbarkeit: Er rechnet mit vielen Videos auf YouTube.

Bis: 18.12.2011



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Ausgabe 10  2011
Institutionen Pinakothek der Moderne [München/Deutschland]
Autor/in Roberta, De Righi
Künstler/in Olaf Nicolai
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