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Besprechung
10.2011


Daniel Morgenthaler :  Malen und Gestalten, nicht nach Zahlen oder geometrischen Vorgaben, sondern mit Buchstaben und Gegenständen: Der gebürtige Wiener Josef Strau zeigt in der Galerie Francesca Pia kalligrammartige Bilder von Tennisbällen und Lampenschirmen, aber auch die Objekte an sich.


Zürich : Josef Strau


  
Josef Strau · 3 exercises: anrufen, bekennen, wegwerfen, 2011, Courtesy Galerie Francesca Pia. Foto: Conradin Frei


Zu Beleuchtungszwecken stehen die Lampen kaum da. Schliesslich sind sie in einem auch sonst bestens ausgeleuchteten Raum platziert, einer Galerie. Eine textlastige Wandarbeit bietet Hinweise dazu, was die matt schimmernden Lampenschirme in Josef Straus (*1957) Ausstellung in der Galerie Francesca Pia bedeuten könnten: Der Künstler, oder zumindest ein in seine Rolle geschlüpfter Ich-Erzähler, hatte beim Kleiderprobieren in Florenz das Gefühl, eine Schachfigur zu sein, die sich zwischen den übrigen Gestalten im Laden strategisch zu behaupten hat. Und wenn die Lampen nun Spielfiguren auf der tabula rasa des Ausstellungsraums wären - was sollen dann die Piercings und Ketten, welche die Lampenschirme durchbohren? Auch hierfür finden sich in einem der Texte - der selbst so gesetzt ist, dass er das Bild eines Lampenschirms ergibt - Antworten. Offenbar war Strau in einem Künstleratelier in Florenz auf ein hundeleinenartiges Kunstlederelement gestossen, das ihn zu einer überraschenden Erkenntnis brachte: Dass nämlich alles irgendwie mit etwas anderem verbunden sein muss, um Sinn zu ergeben. Wieso also zu Verbindungszwecken nicht Sadomaso-Leinen und Ketten verwenden? Und sind am Ende derart viele Menschen gepierct, weil das ihre Körper zusammenhält und diesen so eine - über das Fleischliche hinausreichende - Bedeutung verleiht?
So gar nicht zu diesem etwas zweideutigen Ambiente passen dann die herumliegenden, properen, gelben Tennisbälle. Doch auch hier stossen wir auf einen erklärenden Text - natürlich in Tennisballform: Mit entwaffnender Offenheit beschreibt der Künstler darin, wie er bei der ziellosen Ausstellungsvorbereitung auf das Buch von Giorgio Bassani, ‹I giardini dei Finzi-Contini›, gestossen sei. Dieses beschreibt, wie grossbürgerliche jüdische Teenager in Rom, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg und trotz den sich abzeichnenden Vorboten des Faschismus, eine Obsession für Tennis entwickeln und ihre Bälle in den Gärten verlieren. Man muss es Strau wiederum glauben, dass er das als Anlass für eine verstohlene Privatperformance genommen und einen Tennisball in einen verwunschenen italienischen Garten geworfen hat.
Die jungen Protagonisten des Buches wären - wenn sie nicht ständig auf dem Tennisplatz stünden - gerne Schriftsteller, Künstler oder Philosophen. Die jungen Künstler von heute sind oft alles zusammen. Schön, wieder einmal zu sehen, dass es Künstler wie Josef Strau sind, die ihnen das beigebracht haben.

Bis: 15.10.2011



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Ausgabe 10  2011
Ausstellungen Josef Strau [02.09.11-15.10.11]
Institutionen Galerie Francesca Pia [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Josef Strau
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