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Besprechung
10.2011


Dominique von Burg :  Der Libanese Walid Raad ist einer der wichtigsten Künstler des Nahen Ostens. Sein multimediales Werk kreist um die Auswirkungen von Krieg auf Kunst, Kultur und Traditionen. In Zusammenarbeit mit der Londoner Whitechapel Gallery zeigt die Kunsthalle einen Werküberblick der letzten zwanzig Jahre.


Zürich : Walid Raad, ‹Miraculous Beginnings›


  
Walid Raad · Index XXVI Künstler Tahan/Saadi, 2011, Raumaufnahme Kunsthalle Zürich. Foto: Stefan Altenburger Begleittext: «Das Werk basiert auf Namen von Künstlern, die in Libanon im vergangenen Jahrhundert arbeiteten. Künstler aus der Zukunft sandten mir die Namen auf telepatischem Weg und/oder durch eine zukünftige Technologie. Im selben Jahr habe ich die Bilder in Beirut auf eine weisse Wand geschrieben... Bei einigen davon haben sich allerdings Übertragungsfehler eingeschlichen. Diese wurden von einem verständnislosen Kritiker, einem selbsternannten Hüter der libanesischen Kunst in roter Farbe korrigiert. Nachdem ich die letzten Jahre damit verbracht habe, die Leben der falsch geschriebenen Künstler zu recherchieren, bin ich zum Schluss gekommen, dass diese Namen absichtlich verzerrt wurden. Es ging den zukünftigen Künstlern nicht um ihre Vorgänger und deren Werke, sondern um die Farbe Rot in den handgeschriebenen Korrekturen. Zukünftige Künstler suchen diese Farbe, weil diese für sie nicht mehr verfügbar ist. Nicht weil sie nicht mehr existieren würde, sondern weil diese auf einer immateriellen Ebene beeinträchtigt wurde.» (WR, Text wurde übersetzt und gekürzt.)


Kunstzentren und nationale Museen schiessen in Algier, Alexandria, Doha, Abu Dhabi und anderen Städten im Nahen Osten und Nordafrika aus dem Boden und sprechen von einer blühenden arabischen Kunstszene. Es erstaunt kaum, dass die in den letzten 10 bis 15 Jahren hier entstandenen Kunstwerke oftmals politische Themen behandeln. Auch der jetzt in New York lebende Walid Raad (*1967, Chbanieh) wurde früh mit dem Krieg konfrontiert, als Knabe sammelte er Kugeln und Schrapnellen vom Boden auf. In seiner Werkserie ‹The Atlas Group› widmete er sich von 1989 bis 2004 der gewaltsamen Geschichte Libanons. Dazu gehört ein Archiv, in dem er Dokumente (Pressefotos, Zeitungsausschnitte, Interview-Transkripte, Videomaterial, Grafiken, Bilder) aufbewahrt, die er gefunden oder selbst hergestellt hat. Sie funktionieren nicht als Beweisstücke, sondern als kuriose strukturelle Verbindungen zwischen Geschichte, Erinnerung und Fantasie. Einige der Akten sind sowohl historischen als auch fiktiven Figuren zugeschrieben. Denn der in detektivischer Manier arbeitende Künstler sucht nicht vornehmlich nach politischer Wahrheit, sondern nach sozioökonomischen, narrativen und emotionalen Fakten sowie nach Spuren des Verschwindens.
Die Fotoserien sind beschriftet und suggerieren unterschwellig Geschichten und Sehnsüchte. So führt das Dossier ‹Notebook Volume 38: Already Been in a Lake of Fire›, 1991/2003, kommentierte Bilder von Autos auf, die durch Bomben explodierten. Der Super-8-Film ‹No, illness is neither here nor there› aus der Akte des erfundenen Dr. Fadl Fakhouri zeigt Einzelbilder von Namensschildern von Orthopäden, Zahnärzten und plastischen Chirurgen. Das Projekt ‹Scratching on things I Could Disavow: A History of Art in the Arab World›, ab 2008, thematisiert die boomende Kunstszene im Nahen Osten. Es besteht aus dem Modell eines imaginären Museums in Beirut, das alle Kunstwerke von Walid Raad, respektive der Atlas Group, in Miniatur-Format in sich birgt. Gleich daneben schweben grosse Türrahmen im Raum, die ins Nirgendwo führen. Während die geschrumpften Kunstwerke metaphorisch davon sprechen, dass Jahrzehnte der Gewalt und des Krieges Kunst und Kultur auf sehr heimtückische Weise beeinflussen können, kritisiert der Künstler mit der paranoiden Erscheinung der flachen Türrahmen, dass die Milliarden teuren Museumsbauten etwa auf Saadiyat Island in Abu Dhabi in keiner Weise nach den Bedingungen und Bedürfnissen der zeitgenössischen arabischen Kunst fragen.

Bis: 30.10.2011



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Ausgabe 10  2011
Ausstellungen Walid Raad [26.08.11-30.10.11]
Institutionen Kunsthalle Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Walid Raad
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