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Editorial
11.2011





  
TITELBILD · Les frères Chapuisat · Les éléments, 2011, Ausstellungsansicht CCS. Foto: Marc Domage


Während Architekten in die Höhe streben und Investoren mit Glasfassaden und Weitblick werben, setzen die Gebrüder Chapuisat auf Regression. Sie bauen Höhlensysteme und verlocken uns dazu, die Welt im Kriechgang zu erkunden. Einer ihrer ersten Museumsauftritte, ihre Installation ‹Intra Muros› im Rahmen von ‹Shifting Identities› im Kunsthaus Zürich 2008, blieb für viele unbemerkt. Denn wer nicht bereit war, sich mitten im Moser-Saal flach auf den Bauch zu legen und zwischen zwei Ausstellungskojen in eine kleine Öffnung hineinzurobben, hat nicht erfahren, was sich hinter den weiss verputzten Wänden verbirgt. Über ein ausgeklügeltes Schacht- und Leitersystem wurde man auf unsichtbaren Wegen durch die Gruppenschau geführt. Man schob sich Meter für Meter durch ein unbequemes, enges Labyrinth, dunkel wie die Nacht und doch nur durch dünne Holzwände vom vorbeiflanierenden Publikum getrennt.
Auch bei den ‹Swiss Art Awards› 2009 schafften es die beiden Brüder, ebenso augenfällig wie unbemerkt präsent zu sein. Ihr ‹Autoportrait› stand gut sichtbar in der Messehalle, doch nur wer mit der Nase auf der Scheibe ins Innere spähte, bemerkte den verschachtelten Einbau, mit welchem sie das Auto in ein sprechendes Selbstporträt verwandelt hatten.
‹Les frères Chapuisat› sind nicht die einzigen, die im heutigen Kunstbetrieb als Baumeister von Schächten, labyrinthischen Kammersystemen und kafkaesken Architekturen in Erscheinung treten. Nur anders als beispielsweise Christoph Büchel, Gianni Motti oder Monika Sosnowska geht es ihnen nicht um räumliche Szenarien, die Machtstrukturen ins Körperliche übersetzen. Vielmehr appellieren sie an eine kindliche Entdeckerfreude, an einen unerschrockenen Forschergeist, dem wir trotz Bügelfalten und hohen Absätzen wieder vermehrt nachleben sollten.
Claudia Jolles



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Ausgabe 11  2011
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