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Fokus
11.2011


 Nichts ist dem Zufall überlassen - und doch ist das Resultat immer nur eines von vielen möglichen. Die Ausstellung ‹Much like Zero› von Shirana Shahbazi ist anarchistische Präzision. Ein Gespräch über die Entstehung der Schau im Fotomuseum Winterthur.


Shirana Shahbazi - Die Bauklötze des Bildaufbaus


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Komposition 01, 2011, C-Print
rechts: Mercedes 01, 2008, Silbergelatine-Abzug


Morgenthaler: Shirana, klären wir es gleich zu Beginn: Arbeitest du analog oder digital?

Shahbazi: Noch arbeite ich prinzipiell analog. Aber das hat nicht irgendwelche esoterischen Gründe. Ich schaue einfach anders, wenn ich analog fotografiere. Nur schon die Tatsache, dass man bei einer schweren Mittelformat-Kamera, wie ich sie benutze, mit einer grossen Mattscheibe arbeitet, macht einen Unterschied.

Morgenthaler: Du schiesst also auch keine digitalen Testbilder, um sie dann analog nachzufotografieren?

Shahbazi: Das funktioniert für mich nicht. Es geht auch um die Stimmung: Sobald eine Digitalkamera im Spiel ist, wird alles viel hysterischer. Zum Beispiel macht es einen grossen Unterschied, ob man aus der Hand fotografiert, wie das mit einer digitalen Spiegelreflexkamera eher möglich ist, oder mit Hilfe eines Stativs. Oder ob man die Bilder gleich anschauen kann, oder sie erst ins Labor bringen und warten muss, bis sie bereit sind. Das heisst aber nicht, dass ich nicht trotzdem viele Versuche brauche, bis ich zum gewünschten Bild komme. Für die Arbeit, die auf dem Umschlag der Publikation zur Ausstellung im Fotomuseum Winterthur abgebildet ist, habe ich einige Anläufe gebraucht, damit die Spitze der Pyramide auch wirklich genau auf die Raumecke dahinter zu liegen kommt.

Hochpräzise Farbkonstellationen
Morgenthaler: Der Zufall spielt also doch auch rein in die scheinbar hochpräzisen geometrischen Farbkonstellationen.

Shahbazi: Bei diesem Bild musste ich relativ stark abblenden und konnte während dem Arbeiten nicht sicher sein, dass alles richtig ist. Das gilt aber allgemein für meine Arbeitsweise: Ob bei der Bildkomposition oder beim Hängen einer Ausstellung - immer gehe ich kontrolliert unkontrolliert vor, pendle zwischen logisch und unlogisch.

Morgenthaler: Dennoch sind in deinen neuesten Arbeiten keine Blumensträusse und Früchte mehr zu sehen - die zumindest noch unkontrollierbar verdorren könnten - sondern nur noch einfachste geometrische Körper.

Shahbazi: Im Prinzip habe ich schon immer ganz grundsätzliche Bildideen verwirklicht. Ich habe zum Beispiel Porträts gemacht, Berge fotografiert oder Strassenszenen. Also eigentlich nach und nach verschiedene zentrale Themen abgehandelt. Ich hatte früher auf meinen Reisen, ebenso wie heute im Studio, Bilder im Kopf, die ich dann gesucht habe oder jetzt eben zusammenstelle. Und während dem Arbeiten lasse ich mich dann von den Ergebnissen und Zufällen leiten.

Morgenthaler: Sind die geometrischen Körper vielleicht auch ein wenig die - fast schon kindlichen - Bauklötze deiner Bilder?

Shahbazi: Ja klar. Ich sehe es als eine Komplexitätsreduktion, aus der heraus wieder etwas Komplizierteres entstehen kann. Ich tendiere dazu, simpel anzufangen, um mich dann in etwas hineinzusteigern. Bei den Mehrfachbelichtungen der geometrischen Farbkompositionen zum Beispiel ergeben sich Mischfarben, die ich mir gar nicht ausdenken kann. Oft entsteht eine Mehrfachbelichtung, wenn die Kamera fälschlicherweise den Film nicht transportiert. Diese Möglichkeit nutze ich kontrolliert aus.

Morgenthaler: Wie gross ist denn der Bearbeitungsspielraum beim Entwickeln und Printen der Bilder?
Shahbazi: Zuerst hängt das Resultat natürlich von den grundlegenden Parametern ab, vom Typ und der Qualität des Filmes etwa, oder vom Papier, das für die Prints verwendet wird. Und dann kommen noch ganz klassische Labortricks zum Zug, wie etwa das Nachbelichten einer hellen oder das Abheben einer dunklen Stelle im Bild. Das Schöne ist, dass die Möglichkeiten gegenüber der digitalen Bildbearbeitung sehr begrenzt sind und ich somit ziemlich genau weiss, was man alles mit dem Negativ machen kann. In Winterthur hat man mich öfter verwundert gefragt, ob solche Bilder überhaupt analog machbar sind. Ironischerweise wären die Abzüge aber mit genau dieser Ausstrahlung und Qualität digital gar nicht möglich.

Streng geplante Zufallsprodukte
Morgenthaler: Nach welchen Prinzipien hast du die Schau im Fotomuseum zusammengestellt? Sie ist weder chronologisch noch thematisch aufgebaut.

Shahbazi: Ich wollte die neuen Fotografien mit den farbigen geometrischen Körpern zeigen - mich aber gleichzeitig nicht von den älteren Arbeiten distanzieren. Obwohl ich momentan keine Porträts mache, heisst das nicht, dass ich dieses Thema nie wieder hervornehmen werde. Meine Werkphasen sind nicht hermetisch abgeschlossen.

Morgenthaler: Es fällt allerdings auf, dass du oft zwei Fotos zu Bildpaaren zusammengenommen hast.
Shahbazi: Wie bei den Kompositionen mit den geometrischen Körpern gibt es hier Spielregeln, die zu den streng geplanten Zufallsprodukten führen. Die Bilder müssen sich gleichzeitig ergänzen und stören - und das kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen passieren. Die Hängung ist ziemlich durchdacht: Ich habe hier mit einem Modell gearbeitet, das ich dann abfotografierte, womit ich eine sehr gute Raumsimulation erreicht habe. Das heisst aber keineswegs, dass nicht auch hundert andere Konstellationen möglich gewesen wären. Nur schon im Katalog entstehen wieder andere Zusammenstellungen. Die Doppelseite im Buch ist übrigens auch ein wichtiges Hilfsmittel bei der Komposition: Oft stelle ich ganz für mich allein kleine Fotobücher zusammen ...

Kippmomente und Kanten
Morgenthaler: ... und du beziehst auch die Wand mit ein. Im Fotomuseum ist ein Raum ähnlich farbig ausgemalt wie die geometrischen Kompositionen.

Shahbazi: Ich habe hier quasi einzelne Bilder ausgestülpt, weil ich andere - zwei schwarzweisse Bergaufnahmen etwa - nicht einfach so auf der Wand stehen lassen wollte. Und es war mir auch wichtig, dass die Ausstellung nicht einfach gleichmässig durch die Räume plätschert. Dass man auch einmal Luft holen kann, um danach wieder bei der Sache zu sein.

Morgenthaler: Mich hat allerdings beim Rundgang eher der Ausstellungsraum mit den beiden von Auftragsmalern auf riesige Leinwände vergrösserten Stillleben mit Früchten oder Totenköpfen stocken lassen. Hier wurde mir klar, dass es nur ein kleiner Schritt bis zur Persiflage ist, dass es schnell kippen kann.

Shahbazi: Persiflage finde ich als Begriff zu negativ. Ein Kippmoment ist allerdings fast allen meiner Bilder eingeschrieben: Wenn ich nicht entlang einer Kante spazieren würde, dann wäre es langweilig. Ich würde ja auch nicht ernsthaft alte holländische Malerei thematisieren, ohne dass ich es in irgendeiner Hinsicht kippen lasse und damit ganz andere Bezüge herstelle.

Morgenthaler: Kompromisslos scheinst du aber bei der technischen Ausführung deiner Arbeiten seit jeher zu sein. Kein Bild in der Ausstellung, das technisch nicht makellos wäre. Nicht wie die zahlreichen Fotografen, die gerade das Unperfekte, Kaputte suchen.

Shahbazi: Auch eine rotzige oder hässliche Ästhetik, möglichst noch schlecht geprintet, muss man gut beherrschen - sonst funktioniert das nicht. Ich kann das nicht. Es sind einfach unterschiedliche Arten zu arbeiten - ob man dabei im Dreck wühlt oder nicht, spielt keine Rolle.
Daniel Morgenthaler ist freischaffender Kunstjournalist in Zürich.

Bis: 13.11.2011


Publikation: ‹Shirana Shahbazi - Then Again›, e/d, Hg. Urs Stahel, Steidl Verlag Göttingen, 2011

Shirana Shahbazi (*1974, Teheran) lebt in Zürich

1995-1997 Studium der Fotografie und Design an der Fachhochschule Dortmund
1997-2000 Studium der Fotografie an der HGK Zürich

Einzelausstellungen
2011 New Museum of Contemporary Art, New York, NY
2010 Reverse Order, The Breeder, Athen
2009 Centre culturel Suisse, Paris; ‹Still Life with Shells›, Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam; ‹If, then›, galerie bob van orsouw, Zürich
2007 meanwhile, SI Swiss Institute, New York, NY
2006 MIR, Sprengel Museum Hannover, Hannover
2005 Centre d'Art Contemporain, Genève
2003 The Museum of Contemporary Photography, Chicago

Gruppenausstellungen
2011 ‹Wunder›, Deichtorhallen, Hamburg
2010 ‹Press Art - Sammlung Annette und Peter Nobel›, Museum der Moderne, Rupertinum, Salzburg
2009 ‹6th Asia Pacific Triennial of Contemporary Art›, Brisbane
2008 ‹The eternal flame›, Kunsthaus Baselland, Basel; ‹Shifting Identities›, Kunsthaus Zürich



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Ausgabe 11  2011
Ausstellungen Shirana Shahbazi [03.09.11-13.11.11]
Institutionen Fotomuseum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Shirana Shahbazi
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