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Fokus
11.2011


 Das Basler Shift Festival richtet seinen Fokus dieses Jahr auf die Stimme im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit. Das zum fünften Mal stattfindende Festival, neu dem Haus für elektronische Künste angeschlossen, stellt sich seiner Reifeprobe.


Shift Festival - Eine Stimme für die Neuen Medien


von: Boris Magrini

  
links: Peter Keene · Raoul Hausmann revisited, 2004, Installationsansicht. Foto: Rolan Ménégon
rechts: Tim Exile. Foto: BEAM Festival


Im Bereich der elektronischen Kunst und Kultur ist Shift eine der wichtigsten Veranstaltungen in der Schweiz. Das Festival präsentiert eine internationale Ausstellung, ein Videoprogramm und eine Vortragsreihe. Nicht fehlen dürfen auch die abendlichen Konzerte, die der musikalischen Avantgarde gewidmet sind und zwischen einem Minimal-Set und einer Electroclash-Performance auch für Entspannung und Networking Raum bieten. Im Gegensatz zu ähnlichen Veranstaltungen ist Shift ein vollständig kuratiertes Festival ohne Wettbewerb; die Künstler werden nach inhaltlichen Kriterien ausgewählt. Da die neue Leitung der reorganisierten Institution noch nicht bestimmt ist, wurden die verschiedenen Programmbereiche von mehreren Teams gestaltet. Konkret stehen hinter der internationalen Ausstellung Raffael Dörig, Katharina Dunst und Katrin Steffen. Einige herausragende Persönlichkeiten wurden eingeladen, die
Videoauswahl zusammenzustellen, die im Schaulager gezeigt wird.
Die Veranstaltung findet seit 2007 im Dreispitzareal statt, das sich immer mehr zu einem kulturellen Pol der Stadt gewandelt hat. Dank der zusätzlichen Förderung durch die Besitzer des Areals, der Christoph Merian Stiftung, zogen nach der Eröffnung des Schaulagers 2003 weitere kulturelle Institutionen auf das Gelände, sodass es heute neben der Galerie OSLO 8 und Radio X auch das Haus für elektronische Künste beherbergt, die Nachfolgeinstitution des zehn Jahre aktiven [plug.in].

Die Stimme im Zeitalter ihrer elektronischen Reproduzierbarkeit
Die fünfte Ausgabe ist also ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte des Festivals, das mittlerweile eine gewisse Reife erlangt hat und weiterhin, ungeachtet seines experimentellen Charakters, durch Qualität und Relevanz überzeugen muss. Nach der Fusion und Reorganisation mehrerer Institutionen aus dem Bereich der elektronischen Kunst hat es nun die Aufgabe, die hohen Erwartungen an das Projekt zu erfüllen. Übrigens haben die elektronischen Künste in Basel eine bewegte Vergangenheit hinter sich, vom Umzug des bekannten Viper-Festivals von Luzern nach Basel über dessen Verschwinden mangels Subventionen bis zur anschliessenden Entstehung des Shift Festivals als Resultat der Zusammenarbeit mehrerer Akteure. Die junge Institution ist heute selbst Resultat eines schwierigen Reorganisationsprozesses in der Basler New-Media-Szene, der eben auch zur Umwandlung von [plug.in] ins Haus für elektronische Künste führte, das als Partner des Festivals auftritt.
Die Blicke sind also auf das diesjährige Festival, sein Thema und seine Programmbereiche gerichtet. Das Festival will neben ästhetischen auch ethische und soziale Fragen aufwerfen, wobei das Spektrum von den berühmten Erfindungen wie Phonograph, Telefon und Radio, die es ermöglichten, Stimmen aufzunehmen und wiederzugeben, bis zu moderneren Technologien im Zusammenhang mit der Datendigitalisierung und der Entwicklung des Internets reicht. Vor allem soll erkundet werden, was passiert, wenn die Stimme, das bevorzugte Transportmittel für Sinn und Emotionen, so stark manipulierbar ist, dass man nicht mehr zwischen menschlicher und künstlicher Stimme unterscheiden kann. Diese Frage fasziniert und weckt Vorstellungen mehr oder weniger orwellianischer Szenarien, in denen die neuen Technologien im Dienst skrupelloser Diktatoren oder ultrakapitalistischer, unmenschlicher Gesellschaften stehen, wenn nicht gar im Dienst von Science-Fiction-Computern, die mit einer künstlichen Intelligenz und gleichzeitig mit einer guten Portion sadistischer und zerstörerischer Triebe ausgestattet sind. Die Technik ist faszinierend und erschreckend zugleich, sie spaltet die öffentliche Meinung. Themen wie Atomenergie, gentechnisch veränderte Organismen und die Entwicklung der Militärindustrie werden von Fortschrittsskeptikern immer wieder ohne Bewusstsein dafür angeprangert, dass das alles in anderen Bereichen zu erheblichen Verbesserungen der Lebensqualität geführt hat. Die drei Festivaltage sind im wahrsten Sinne des Worts den Stimmen der Kunstschaffenden gewidmet, deren Verdienst es ist, dass sie die Probleme, die uns alle betreffen, mit grösster Freiheit und Kreativität angehen. Und das genau erwarten wir von ihnen, denn sie spielen in unserer immer stärker ausschliesslich auf Produktivität ausgerichteten Gesellschaft nach wie vor eine wichtige Rolle.

Ein kuratiertes Festival
In den Räumen des neuen Hauses für elektronische Künste sind konkret die Installationen ‹Squeeeeque› von Alexis O'Hara - ein Iglu aus Lautsprechern und Mikrofonen, die nach dem Prinzip des Feedback einen Wohnraum bilden - und ‹Optophone› von Peter Keene zu sehen, eine Anlage, die nach dem Vorbild des patentierten, aber nie realisierten Projekts von Raoul Hausmann Ton in Farben übersetzt.
In der traditionellen Ausstellungshalle des Festivals fügen sich Werke internationaler Künstler zu einem Panorama des Gebrauchs, Missbrauchs und der Mystifizierung der Stimme. Die Ausstellung umfasst poetischere und konzeptionellere Beiträge, wie etwa die Arbeit von Aaron Koblin und Daniel Massey, die das Lied ‹Daisy Bell› mithilfe der Online-Aufnahme von über zweitausend Stimmen neu komponieren - womit sie sich auf die erste synthetische Computerstimme, aber auch auf den berühmten Ausschnitt aus Kubricks Meisterwerk beziehen, in dem der Computer HAL langsam deaktiviert wird. Es gibt auch performativere Beiträge, wie Erik Büngers Bandkomposition, die den abgehackten Klang einer beschädigten CD simuliert. Zu sehen sind zudem politisch engagierte Beiträge wie die Arbeit von Seth Price, die aus Videofundstücken zum Thema militärische Ausbildung besteht, oder das Werk von José Toirac, das deutlich macht, wie häufig Zahlen und Statistiken in Fidel Castros Reden vorkommen und wie er sie missbraucht. Auf dem Musikprogramm, einem wichtigen Bestandteil jedes New-Media-Festivals, stehen Künstler wie Tim Exile, der seine Stimme höchst virtuos einsetzt und live manipuliert, oder Hudson Mohawke, ein junger DJ und Produzent zwischen Hip-Hop und elektronischer Musik.

New Media Art?
Trotz der sinnvollen Definition als Festival für elektronische Kunst und Kultur passt Shift im Grunde perfekt in die Nische, die man mittlerweile allgemein als New Media Art bezeichnet und deren Werke sich mit der Anwendung und Auslotung neuer Technologien und Medien befassen. So vergleicht man das junge Festival gern mit renommierteren Veranstaltungen wie der Ars Electronica und der Transmediale, die in diesem Bereich jedes Jahr die Trends setzen. Man kann sich fragen, wie sinnvoll es ist, das Kunstschaffen im Bereich der Neuen Medien von der traditionellen zeitgenössischen Kunst zu unterscheiden und so eine Nische aufzubauen, die es den Künstlern erschwert, sich über einen engen Kreis hinaus Gehör zu verschaffen; man kann auch immer weiter über die Definition des Begriffs New Media Arts diskutieren, der eigentlich unpräzis ist, da die betroffenen Künstler oft Geräte benutzen, die älter sind als die avantgardistische Videotechnik.
Doch ohne Anlässe wie Shift und ohne Institutionen wie das neue Haus für elektronische Künste würden viele dieser Künstler noch stärker vernachlässigt von denjenigen Museen und Galerien, die eher bereits bekannte und mit leichter kommerzialisierbaren Medien arbeitende Künstler vorstellen. In diesem Sinne bietet das Shift Festival eine willkommene Ergänzung zum institutionellen Ausstellungsbetrieb und wir wünschen ihm, dass es in eine Phase der echten Reife eintritt, in der es sich nicht damit zufrieden gibt, die neusten Entdeckungen der New Media Arts vorzustellen, sondern zugunsten der Kohärenz und der Qualität des Inhalts wirklich auch Reflexionen und konkrete Kunstwerke zu ausgewählten Themen präsentiert.
Boris Magrini, Kunsthistoriker und Kurator, Doktorand mit Forschungsschwerpunkt ‹Generative Kunst›, lebt in Zürich. (Aus dem Italienischen von Barbara Sauser)


Bis: 30.10.2011



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Ausgabe 11  2011
Ausstellungen SHIFT [27.10.11-30.10.11]
Institutionen HeK Haus der elektronischen Künste Basel [Basel/Münchenstein/Schweiz]
Autor/in Boris Magrini
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