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Fokus
11.2011


 Die Istanbul Biennale wurde 1987 als Austauschplattform für internationale und lokale Kunstschaffende gegründet. Seit auch internationale Kurator/innen das Grossereignis am ‹Tor zum Orient› leiten, wird die Stadt mehrheitlich als Bühne für explizit politische Biennalen genutzt. Mit dieser Tradition wollen nun Jens Hoffmann und Adriano Pedrosa brechen.


12. Istanbul Biennale - Untitled


von: Susann Wintsch

  
links: Marwa Arsanios · All About Acapulco, 2010, Installation. Foto: Mahmut Ceylan
rechts: Jonathas de Andrade · Tropical Hangover, 2009, Fotografien, Texte, Masse variabel. Courtesy Galeria Vermelho, São Paulo. Foto: Mahmut Ceylan


Im Pressetext Anfang 2011 erklärten Hoffmann und Pedrosa die 12. Biennale zur Hommage an Felix Gonzalez-Torres. Die Arbeiten des 1996 an Aids verstorbenen Künstlers mit kubanischen Wurzeln erregen bis heute ungebrochenes Interesse. Diesmal steht jedoch nicht sein Werk, sondern seine künstlerische Strategie zur Diskussion: Gesellschaftliche Themen werden mit fragmentarischen und armen Mitteln ins Bild gesetzt. Dadurch gewinnt das Material an Stärke, die Realität wird mit Poesie durchsetzt, die Wirklichkeit flüssig gemacht und geöffnet für subjektive Erfahrungen.
Die türkische Kunstszene nahm diesen Entscheid mit Erleichterung auf. Istanbul sollte also weder als ‹Brücke zwischen Ost und West› noch als prädestinierter Ort für politische Kunst zur Verfügung stehen. Die Kuratoren entwickelten dieses Vorgehen gemäss eigenen Angaben aus der Rückschau: «Wir suchten Gespräche mit den Künstlern und Künstlerinnen der Vorjahre, die in Istanbul leben. 2010 organisierten wir zusätzlich die Konferenz ‹Remembering Istanbul›, zu der wir alle Kuratoren der vergangenen Jahre eingeladen haben, um über ihre Ausstellungen und Erfahrungen beim Kuratieren zu sprechen - das war ein wichtiger Prozess, er ermöglichte uns fundamentale Einsichten über die vergangenen Ausgaben.»

Verschlungenes (kultur-)politisches Statement
Im Unterschied zu den früher weit verstreuten Schauplätzen - in Palästen auf der asiatischen Seite des Bosporus, in einer justinianischen Zisterne oder einem verlassenen griechischen Schulhaus - findet diese Biennale einzig in den Lagerhäusern der Antrepo statt. Die Kuratoren haben darin museumsähnliche Kammern für Einzel- und Gruppenausstellungen bauen lassen. Eine verpasste Chance, meinte eine Künstlerin, denn Istanbul böte viele Möglichkeiten, verlassene Orte neu zu beleben.
Dass die Stadt in der Biennale unsichtbar bleibt, gehört aber zum Konzept. Es passt in die strenge Wahl der künstlerischen Arbeiten, die das Leben in Fragmenten und Splittern erzählen. So schildert Marva Arsanios' (*1978, Beirut) Installation ‹All about Acapulco› in Skulpturen, Super-8-Filmen und Fotografien den Glamour und Verfall eines Varietés am Beiruter Strand. Die Verwahrlosung weckt Ahnungen von latenter Gefahr. Jonathas de Andrades (*1982, Recife) Installation ‹Tropical Hangover› nimmt den Strand zum Anlass für fotografische Schnappschüsse und Tagebucheinträge eines Don Juan. Diesem scheinen bloss seine leichtfüssigen Eroberungen und Trennungen eine Notiz wert. Nur wenn man alle Texte liest, offenbaren sie eine unerträgliche Lebensangst, die aus der politischen Instabilität entsteht.
Rund ein Viertel der eingeladenen Künstler/innen stammt aus der Türkei, einige davon leben und arbeiten in Istanbul. Cevdet Erek (*1974) zeigt eine Serie von Massstäben in Plexiglas. Anstelle von Millimeterangaben zeigen sie Jahreszahlen, aber jeder Massstab misst in unterschiedlichen Zäsuren die Geschichte der Türkei von der Vergangenheit bis in die Zukunft. Berührend ist der Raum mit den eigenwilligen Arbeiten von Füsun Onur (*1938), die seit den Sechzigerjahren für ihre Unhabhängigkeit berühmt ist und minimalistische Skulpturen und Installationen schafft, die von der Magie und der Zerbrechlichkeit der Gemeinschaft und des Lebens überhaupt sprechen. In der Biennale präsentiert sie u.a. die Arbeit ‹Whisper›, in der in sieben Schritten aus Holzstücken ein Schemel entsteht, oder, von der anderen Seite her gesehen, wie ein funktionaler Schemel zu Andeutungen zerfällt. Die lakonischste Arbeit stammt von Ahmet Ögut (*1981): Auf schwarzem Samt und unter einer Glasvitrine platzierte er eine Zweieuro- neben eine Einliramünze. Die beiden Geldstücke gleichen sich formal wie Zwillinge, repräsentieren aber einen fiktiven Wechselkurs - ein Euro war im September zwei türkische Lira wert.
Die kuratorische Konsequenz erzeugt Monotonie und Kühle, die durch die Ausstellungsarchitektur aus Aluminiumwänden noch verstärkt wird. Aber darin liegt Strategie. Bruce Nauman hat 1968 in der Installation ‹Get out of My Mind, get out of this Room› sein Gemüt mit dem kollektiven Raum in eins gesetzt. Die 12. Istanbul Biennale will in ganz traditioneller Weise bewirken, dass die Betrachtenden die künstlerischen Arbeiten in abstrakten Räumen rezipieren und daraus eigene Themen filtern.

Entspannen wir uns
Eine Istanbuler Künstlerin beschreibt die formalen Aspekte der Biennale wie folgt: «Im Allgemeinen sind die Arbeiten gewöhnlich. Das ist interessant. In den vergangenen Ausstellungen sah man viele Kunstwerke, die mit grossen Budget realisiert wurden. Ihre Wirkung war zwar schwach, dafür überwältigte der Effekt des Geldes. Diese Biennale aber ist nur eine Ausstellung unter vielen. Sie normalisiert die Kunstwelt und die Kreativität der Künstler. Entspannen wir uns und arbeiten weiter.»
Diese Äusserung hängt nicht nur mit der viel geäusserten Hoffnung auf mehr Sein statt Schein nach der Finanzkrise zusammen. In der Türkei fehlt die öffentliche Hand, die zeitgenössische Kunst fördert. Sämtliche grossen Institutionen der Gegenwartskunst in Istanbul - die alle hervorragende Ausstellungen zeitgleich zur Biennale zeigen - inklusive der Biennale werden von wohlhabenden Familien, gros­sen Unternehmen oder Banken unterhalten. Dies scheint in unseren Augen höchst problematisch, doch in der Türkei sieht man das anders: Es ermöglicht künstlerische Freiheit in einem Land, das sich immer offener als Diktatur zeigt. Oder wie eine weitere Istanbuler Künstlerin meint: «We don't mind the lack of state support. That way we can do what we want.»
Susann Wintsch, Kuratorin, Herausgeberin von Treibsand, DVD Magazin.

Bis: 13.11.2011



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Ausgabe 11  2011
Autor/in Susann Wintsch
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