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Fokus
11.2011


 Vor mehr als dreissig Jahren haben kluge Köpfe in Bern für die Kunstgattung Film eine visionäre Entscheidung getroffen: Der Erweiterungsbau des Kunstmuseums sollte neben neuen Ausstellungsräumen auch ein Kino enthalten. Nun gerät das langjährige Erfolgsmodell zunehmend unter Druck.


Förderpolitik - Zur Situation des ‹Kino Kunstmuseum› in Bern


  
Lis Winiger, Leiterin Projektion, und Peter Erismann im Kinosaal. Foto: Beat Mathys


Für die Verantwortlichen der damaligen Museumserweiterung war klar, dass Potenzial darin steckt, Kunst und Film im gleichen Haus zeigen zu können und dass deshalb das bewegte Bild seinen selbstverständlichen Platz im Museum bekommen sollte. Diese Entscheidung führte zum einzigen Kunstmuseum in der Schweiz, das ein eigenes Kino betreibt - in bester Gesellschaft mit Häusern wie dem Museum Ludwig in Köln, dem Centre Pompidou in Paris oder dem MOMA in New York, die alle bis heute ein eigenes Filmtheater beherbergen. Film ist Kunst.
Das Kino im Kunstmuseum wurde unter weitsichtigen Direktoren und einem gastfreundlichen Team zu einer kleinen Erfolgsgeschichte: Es wurde zum Ort für Filmbegeisterte, die eine Alternative zum vorherrschenden Mainstream suchten. Auch zum Ort der ernsthaften Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen von Film und Kunst. Vor neun Jahren kamen die heutigen Hausväter jedoch zur Einsicht, dass das Betreiben eines Kinos nicht mehr zum «Kerngeschäft» eines Museums gehöre. Nur dank dem beherzten Engagement der Berner Filmszene und der städtischen Kulturabteilung wurde dies verhindert. Seither betreibt nun der Verein Cinéville das ‹Kino Kunstmuseum› und erreicht mit den Programmgefässen ‹Film und Kunst›, ‹Filmgeschichte› und ‹aktuelles Filmschaffen› mittlerweile über 10'000 Besuchende pro Jahr. Das Kino erwirtschaftet über 50 % des Budgets von rund CHF 430'000 selbst. Das Angebot der Programmleiterin Rosa Maino ist ambitioniert und orientiert sich an anderen Programmkinos in Basel und Zürich. Die Ausstellungen des Kunstmuseums wurden mit Reihen zu China, Indien oder mit Filmpremieren zu Markus Raetz, Max Bill und Hans Josephsohn begleitet. So vertiefte eine Auswahl der Filme von Pier Paolo Pasolini zur aktuellen Ausstellung ‹Mysterium Leib› Berlinde de Breuyckeres Dialog mit Cranach und dem italienischen Regisseur. Der Vermittlung kommt ein zentraler Stellenwert zu und die Qualität der Projektionen wird gelobt.
Doch seit knapp zwei Jahren ist das Kino am alten Standort gefährdet. Nachdem zwei Anbauprojekte gescheitert sind, geniesst das Kino nur noch ein Gastrecht auf Zeit. Der Stiftungsrat will Raumreserven für Positionen der Gegenwartskunst nutzen und weicht der Diskussion über den Stellenwert des Films in der aktuellen Kunst aus - auch wenn Werke wie Christian Marclays 24-Stunden-Epos ‹The Clock› an der diesjährigen Biennale Venedig die zentrale Bedeutung des Mediums eindrücklich belegen. Bitter ist auch, dass das Haus die fest zugesicherte Abgeltung von jährlich CHF 20'000 für die Programme zu den Ausstellungen nur noch in Reduziertem Masse, streng projektbezogen garantiert und der Gemeinderat die Unterstützung an das Kino um 30 Prozent reduzieren wollte. Nur via städtisches Parlament konnte die Kürzung im letzten Frühjahr abgewendet werden, so dass nun eine jährliche Grundsubvention von CHF 170'000 für die kommenden vier Jahre gesichert ist.

Gemeinschaftliche Kinoerlebnisse
Das heisst aber auch, dass sich das Kino neu ausrichten will. Wie andere Kunstgattungen erneuert sich der Film vorwiegend im nichtkommerziellen Bereich. Als neuer Leiter wurde nun der ehemalige Filmkritiker Thomas Allenbach engagiert. Um vermehrt Premieren von den Verleihern zu bekommen, wurde eine enge Zusammenarbeit mit dem Kellerkino vorbereitet. Gleichzeitig werden neue und eventuell zusätzliche Standorte geprüft, u.a. im PROGR - Zentrum für Kulturproduktionen, wo der Verein verstärkt auf gemeinschaftliche Kinoerlebnisse für ein jüngeres Publikum setzen will. Dahinter steht die Vision eines starken, nicht kommerziellen Programmkinos mit öffentlichen Subventionen und gezielten Partnerschaften in der Stadt und den Regionen des Kantons. Die «Abspielstelle» für das einheimische und aktuelle Filmschaffen will selbstverständlich auch weiterhin die Geschichte des Films in kuratierten Reihen vermitteln und die Synergien im Bereich Kunst und Film nutzen - hoffentlich auch weiterhin in und mit der zentralen Kunstinstitution in Bern.
Peter Erismann, Vorstandsmitglied von Cinéville, Trägerverein des ‹Kino Kunstmuseum› Bern, und Kurator Schweizerische Nationalbibliothek und Centre Dürrenmatt Neuchâtel.



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Ausgabe 11  2011
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