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Artists in Residence
11.2011




Surekha - Lernen als Lebens- und Kunstimpuls


  
Surekha im Wasserforschungsinstitut Eawag, Dübendorf. Foto: Cat Tuong Nguyen


Das artist-in-labs-Programm, kurz ail, will eine Brücke zwischen Kunst und Wissenschaft schlagen und bietet Kunstschaffenden die Möglichkeit, Forschungsarbeit, beispielsweise über das Hirn, künstliche Intelligenz oder Wasser-Ökologie, aus nächster Nähe mitzuerleben. Die indische Künstlerin Surekha ist via das indo-schweizerische Austauschprojekt zur Eawag nach Dübendorf gelangt, während Adrien Missika in einem biotechnologischen Institut in Indien arbeitet. Organisiert wird das Programm durch die Zürcher Hochschule der Künste, finanziell getragen von der Pro Helvetia.
Surekha (*1965; eigentlich Surekha Anil Kumar) sagt von sich selbst, dass sie spontan arbeitet und reagiert: «Ich gehe immer dahin, wo ich etwas Neues lernen kann.» Daher hat sie sich auch sogleich für den Platz bei der Eawag im artist-in-labs-Programm beworben. Dieses Forschungsinstitut der ETH widmet sich der ganzheitlichen Erforschung von Wasser und Gewässern und pflegt den transdisziplinären Austausch. Mit ‹Lake Tales›, einem grossangelegten Projekt über die Umgestaltung und Umnutzung des Jakkur-Sees in Bangalore, brachte sie die idealen Voraussetzungen dafür mit. Der Ausgangspunkt war die Entwicklungsstrategie der Stadtbehörden, die Seen im Umfeld der Stadt in Erholungsgebiete umzuwandeln, was sie gleichzeitig der ursprünglichen Nutzung (Waschen, Baden, Trinken, Landwirtschaft) entzog und in einem Identitätsverlust bei den Anwohnern mündete.
Was ursprünglich als bildhafte Dokumentation der Veränderungen gedacht war, weitete sich aus, führte zu soziologischen Aspekten und ökologischen Fragen: «Der Jakkur-See gehört nicht nur den Menschen, er gehört auch den Vögeln, Fischen, Wasserpflanzen und -organismen. Sie sind die wirklichen Eigentümer des Sees», fasst die Künstlerin ihre Erfahrung zusammen. Ein Blog öffnete das Projekt für ein grösseres Publikum und letztlich mündete es in einer Gruppenausstellung mit jungen indischen Künstlern, die ihr ökologisches Engagement in Kunstwerke übertrugen.
Auch wenn das Projekt zum Jakkur-See letztlich diese Wendung nahm, ist Surekha nicht in erster Linie eine umweltaktivistische Künstlerin. Sie interessiert sich für das Leben in ihrer Heimatstadt Bangalore im weitesten Sinne und somit auch für die verschiedenen Problemzonen der indischen Gesellschaft. In einer Porträt­serie zeigt sie Menschen, die einen eigenen, oft originellen Weg gehen, um den Problemen ihres Alltags oder der Gesellschaft entgegenzutreten. Beispielsweise ein alter Mann, der ‹Romeo› (Retired Old Men Eating Outside) gegründet hat und sich nun mit anderen älteren Männern und Frauen im Park trifft, um gemeinsam zu essen und zu lachen; oder eine Familie, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, anonyme Tote richtig zu bestatten, oder eine Frau, die ihre Kinderlosigkeit damit bewältigte, dass sie in vierzig Jahren vierhundert Bäume pflanzte.
Dieser Blick auf die Gesellschaft, auf ihre Skurrilitäten, leitete sie auch bei einem Projekt 2005 in der Schweiz, als sie die Arbeit der Baumdoktorin Sibyl Trüb dokumentierte. Dank einem sechsmonatigen Aufenthalt im Gastatelier Krone in Aarau 1999 besitzt Surekha schon einige Erfahrung mit der Schweiz. Aus den damaligen Freundschaften entstand das Projekt ‹BAR1›, das Schweizer Gastkünstlern und Gastkünstlerinnen in Bangalore Unterstützung durch die dortigen Kunstschaffenden bot und einen regen Austausch förderte. Künstlerisch haben sich Surekhas Interessen seither weiterentwickelt, es gibt keine losen Fäden von damals mehr, die sie aufgreifen möchte, dank freundschaftlicher Banden lebt sie nun aber bei der Bildhauerin Lilian Hassler in Zürich und hat so ganz direkt Anteil am aktuellen Kunstgeschehen.
Ihren Alltag verbringt Surekha jedoch in den Labors der Eawag. Sie geniesst die vielfältigen Eindrücke und Inspirationen in dieser Umgebung. Dank der Wissenschaftssprache Englisch kann sie problemlos an allen Seminaren, Vorlesungen, Feldstudien und Exkursionen, sei das zum nahegelegenen Greifensee oder in den Nationalpark, teilnehmen. Die Atmosphäre in den Labors sei sehr freundlich, erzählt sie, und vielleicht fällt ihr der Zugang zur Wissenschaftswelt auch deshalb sehr leicht, weil sie nebst Kunst auch Mathematik studierte. Nach dem Projekt befragt, das sie hier in der Schweiz realisieren will, meint sie: «Jeden Tag entstehen etliche Ideen», um gleich darauf begeistert davon zu erzählen, wie sie die Vielfalt des Wassers zum Nachdenken über sich und die Welt anregt und laufend neue Fragen aufwirft: «Wasser ausserhalb, Wasser innerhalb von uns, Tränen beispielsweise, dieser Ausdruck von Emotionalität schlechthin, wie unterscheiden sie sich von anderem Wasser unseres Körpers, beispielsweise Schweiss?» Ganz besonders fasziniert ist sie auch von den Welten, die ein schlammiger Tropfen Wasser unter dem Mikroskop eröffnet: «Wunderschön strukturierte Pflanzen, Wasserblasen wie Perlen, man sieht unzählige Landschaften.» So würde es nicht erstaunen, wenn ihre Arbeit von diesen mikroskopischen Bildern ausginge, aber vielleicht wird die Künstlerin ja schon morgen von neuen Eindrücken und Ideen in eine andere Richtung geführt.


Bis: 22.11.2011


Präsentation der in der Schweiz realisierten Arbeiten, 22.11., 16 Uhr, Ausstellung, Eawag, Überlandstrasse 133, Dübendorf

Dieser Beitrag erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Schwerpunkt Schweizer Übersetzungsförderung ‹Moving Words›.

English Version




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Ausgabe 11  2011
Autor/in Eveline Suter
Künstler/in Surekha
Link http://surekha.info
Link http://www.artistsinlabs.ch
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