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Besprechung
11.2011


Yvonne Ziegler :  Das Kunsthaus Baselland zeigt neben einem Israelschwerpunkt Werke von Bettina Grossenbacher und Nives Widauer: Um Stickbilder, ausgestopfte Tiere, leere Häuser und Schiffswracks entspannen sich frei schweifende Geschichten, Projektionen und Bedeutungsverschiebungen.


Muttenz : Bettina Grossenbacher und Nives Widauer


  
links: Bettina Grossenbacher · Mikado, 2010, Videostill
rechts: Nives Widauer · Balanced, 2003, Videostill


Bettina Grossenbachers (*1960, Thun) erstmals in der Schweiz zu sehender Film ‹Mikado›, 2010, erzählt keine schlüssige Geschichte. Wenn man meint, nun komme eine Szene, die das Vorangegangene erklärt, landet man unversehens am Anfang des Loops. Die merkwürdige Personenkonstellation von Mann und Mädchen, die sich in einem leeren, mit Erinnerungen behafteten und im Stil der Siebzigerjahre möblierten Haus befinden, löst sich nicht auf. Denn Grossenbacher bettet die wenigen Handlungen der Protagonisten - schiessen, tanzen, bürsten, baden etc. - in ein fliessendes Gespinst von Dialogfragmenten, langsamen Kamerafahrten über Stoffe und Möbel sowie Blicke in Spiegel und durch Fenster, sodass Raum-, Zeit- und Realitätsebenen verschwimmen. Die Darsteller reden nicht, sind jeweils für sich. Off-Stimmen und englische Untertitel legen ihnen vereinzelte Sätze eines Theaterstücks von Fiona Templeton in den Mund. Etwa: «Ich wünschte, du könntest es mir sagen. Doch ich weiss, du kannst es nicht.»
Dass Sprache die Deutung von Bildern beeinflusst, ist auch in weiteren Werken zentral. Eine Videoarbeit zeigt ein riesiges Schiffswrack, das von Wellen umbrandet an einem paradiesischen Sandstrand liegt. Der idyllische Bildeindruck und die einlullenden Klänge des Meeres stehen in Kontrast zur Geschichte einer brutalen Schlägerei, die in Untertiteln detailreich erzählt wird. Der Text evoziert innere Bilder, löst unvereinbare Gefühle aus. In einer mehrteiligen Fotoarbeit wird ein leeres Haus durch Untertitel, die von Mord berichten, zur irritierenden Projektionsfläche. Es wundert schliesslich nicht, dass im letzten Raum ‹Böse Häuser› auftauchen.
Im Untergeschoss führt ein Film von Nives Widauer (*1965, Basel) den Zusammenklang von Filmbild und Sprache weiter. Unwillkürlich lässt der Protagonist, der im Wiener Naturhistorischen Museum zwischen eng stehenden Vitrinen mit ausgestopften Tieren umhergehend Heinrich Heines ‹Waldeinsamkeit› rezitiert, der eigenen Fantasie Chimären entwachsen. Traum, Mondschatten, Bild- und Bedeutungsverschiebungen sind wesentliche Momente in Widauers intelligent witzigen und medial vielfältigen Werken. In ihren ‹Symbioscreens› wird ein auf Leinwand appliziertes Videostill - etwa ein Skispringer - vom darüber projizierten Video verlebendigt. Gefundene Fotografien oder Stickbilder kommentiert die Künstlerin durch Collage, Übermalung oder Stickerei: Beethoven erhält Rastalocken.

Bis: 13.11.2011



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Ausgabe 11  2011
Ausstellungen Bettina Grossenbacher, Nives Widauer [19.09.11-13.11.11]
Institutionen Kunsthaus Baselland [Basel/Muttenz/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Nives Widauer
Künstler/in Bettina Grossenbacher
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