Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
11.2011


J. Emil Sennewald :  Endlich gibt es in Lyon wieder eine eigenwillige Biennale. Nach wenig überraschenden Ausgaben bringt die argentinische Kuratorin Victoria Noorthoorn Eigensinn und Kunstverstand. Ergebnis: ein kohärenter, höchst poetischer und dichter Essay, der auf die visuelle Aussagekraft der Werke vertraut.


Lyon : Lyon-Biennale, ‹Une terrible beauté est née›


  
Ulla von Brandenburg · Kulisy, 2011


Gestaunt wurde schon, als die vierzigjährige Victoria Noorthoorn aus Buenos Aires vor einem Jahr mit einem bei W. B. Yeats entliehenen Titel aufwartete, der von Schönheit spricht. «Im Blindflug und ohne auf Erklärungen und Texte über die Kunstwerke zu setzen» wolle sie das Oszillieren zwischen Gewissheit und Zweifel einfangen, für sie Grundbedingung künstlerischer Arbeit. Jetzt nimmt sie uns, ohne zu zögern, an die Hand. Wir folgen ihrer Leserichtung zunächst in die ‹Kulissen›, 2011, Ulla von Brandenburgs. Bunte, versteifte Vorhänge werden von dicken Kordeln gelüpft, wir schlüpfen hindurch, wähnen uns auf den Brettern, die die Welt bedeuten.
Was folgt, wird szenisch, wir sind auf der Bühne und backstage zugleich. Noorthoorns «grausame Schönheit» exponiert und verbirgt, schaut sich selbst an, erschrickt. Grausam albern ist das burleske Video von Tracey Rose, das neben Barthélémy Toguos etwas zu evidenten Holzsärgen ‹The Time›, 2011, flimmert. Eine Engführung, durch die wir hindurch müssen, um der Biennale auf der Spur zu bleiben. Erst in einer entlegenen Station der Biennale, der Industriebrache T.A.S.E., überzeugt Rose mit ‹In The Castle Of My Skin›, 2011. Das Video eines Castings, in dem Freiwillige eine Szene aus Frantz Fanons Roman ‹Peau noire, masques blancs› nachspielen. Beklemmend authentisch reisst ein Kind an der Hand und ruft angstvoll: «Schau Mama, ein Neger! Ich habe Angst! Ein Neger, schau nur!»
Den trunkenen Leselauf der Sucrière fängt im MAC anregende Stringenz auf. Immer neue szenische Räume, jeder Saal ein Exkurs, jedes Werk ein klarer Satz. Enorm, mit welcher Kraft die 29 Jahre junge Eva Kotátkova aktuelle Fragestellungen zu Archiv und Erinnerung auf den Punkt bringt oder mit welch frappierender Leichtigkeit Katinka Bock in ihren Ton- oder Metallobjekten die Gravität der Dinge offenlegt. In solch einer Autoren-Biennale gibt es natürlich Vorlieben, die nicht jeder teilt. Zwar werden hervorragende zeichnerische Arbeiten von Christian Lhopital und Linda Matalon gezeigt, die Malerei hingegen präsentiert sich, als seien die jüngsten Entwicklungen an der Kuratorin vorbeigegangen. Die beiden stärksten Leinwände, ‹Obsessive Envy›, 2011, und ‹The Producer›, 2010, steuert Marlene Dumas bei. Manche Installation könnte kleiner ausfallen, manches Video, wie das hervorragende ‹Pile›, 2011, von Guillaume Leblon, besser positioniert sein. Doch hier geht es nicht um Ausgewogenheit, hier geht es um die eigenwillige Sprache der Bilder und darum, wie sie uns verändert. Das zu zeigen, ist gelungen.

Bis: 31.12.2011



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 11  2011
Autor/in J. Emil Sennewald
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=111021122634APB-11
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.