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Besprechung
11.2011


Dominique von Burg :  Simone Kappeler, eine der wichtigsten Schweizer Fotokünstlerinnen ihrer Generation, reist gerne und viel, stets mit der Kamera im Gepäck. Nun ist ihr bald dokumentarischer, bald traumwandlerischer Bilderkosmos in einer umfassenden Retrospektive zu sehen.


Schaffhausen : Simone Kappeler


  
Simone Kappeler · Weisser Pfau, 8.4.2010, analoge Farbfotografie auf Ilfochrome-Papier, 100 x 100 cm


‹Taubenschmaus› zeigt vor dunklem Hintergrund eine schwarze Katze, die eine Taube verschlingt, deren Blut geradezu aus dem fast schwarzen Hintergrund zu quillen scheint. Ein Hauch von Nostalgie umgibt die Schwarzweissfotografie des ‹Jardin des Tuileries› mit verwischten Konturen von Menschen und Bäumen, während ‹Painted Desert. Arizona› das stimmungsvolle Glühen einer in Rottöne getauchten Wüste wiedergibt. Landschaften, Menschen oder Tiere sind die Themen, welche Simone Kappeler (*1952, Frauenfeld) interessieren. Ihr medialer Bogen reicht von Schwarzweissfotografien mit einer ausgeprägten Nähe zum Dokumentarischen sowie schnappschussartigen Momentaufnahmen bis hin zu farbigen Arbeiten, die sich wie Aquarelle in Farbverläufe und Lichtstimmungen auflösen.
Kappeler spielt mit optischen Unschärfen und Überblendungen und produziert Bildwelten, die stets Wahrnehmungsvorgänge reflektieren. Oft arbeitet sie mit dem Medium Film und transferiert ihre Dias im Cibachrome-Verfahren auf Fotopapier. Seit 1981 fotografiert sie regelmässig mit der Billig-Kamera ‹Diana›. Diese verfügt über eine Plastiklinse, die zu schwach ist, um das Licht zu transportieren. Deshalb sind die Abbildungen eher weich gezeichnet und zum Bildrand hin abgeschattet. Durch die fehlende Abdichtung des Plastikrückteils kommt es zu Überbelichtungen. Mit dem manuellen Filmtransport sind zudem Mehrfach- und Teilbelichtungen möglich. Diese Eigenheiten prägen den künstlerischen Charme der Fotografien. Simone Kappeler nutzt diese ausgiebig und schiesst auf intuitive Weise unscharfe, atmosphärisch aufgeladene Bilder. Parallel dazu arbeitet sie mit der professionellen Fachkamera und spürt kleinsten Details nach - etwa der wächsernen Haut der Mutter auf dem Totenbett. Ein zentrales Anliegen der Künstlerin besteht in der Verwandlung der Wirklichkeit alltäglicher Momente in etwas Überzeitliches. Dafür abstrahiert sie ihre Motive und erzeugt durch einen speziellen Ausschnitt und/oder unter Verwendung von Infrarotfilmen etwas Schwebendes. Eine Waldlichtung in einem japanischen Park verleitet zu meditativem Sehen. Und wenn ein weisser Pfau elegant-lasziv eine Treppe hochschwebt oder andere das Rad vor einer barocken bühnenartigen Kulisse im Dämmerlicht schlagen, dann befinden wir uns definitiv im Reich eines mystischen zeitlosen Arkadiens.

Bis: 20.11.2011


Simone Kappeler, Hrsg. Markus Stegmann, Binding Selection d'Artistes/Hatje Cantz, 2011



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Ausgabe 11  2011
Ausstellungen Simone Kappeler [11.09.11-20.11.11]
Video Video
Institutionen Museum zu Allerheiligen [Schaffhausen/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Simone Kappeler
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