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Besprechung
11.2011


Claudia Jolles :  Der russische Künstler Andrei Roiter hat sich mit seinen Werken im Kunstmuseum Solothurn sowie im angrenzenden Park temporär niedergelassen. Mit eigenwilligen Zeichnungen und Skulpturen lädt er uns dazu ein, über die prekäre Rolle eines Künstlers im Transit zwischen Ost und West nachzudenken.


Solothurn : Andrei Roiter, ‹Runaway›


  
Andrei Roiter · Artist at Work 10, 2000, Aquarell auf Papier, 40 x 30 cm


‹Artist at Work›: Mal trägt der Künstler bei der Arbeit eine Zipfelmütze und zieht gesenkten Hauptes mit kurzen Skiern durch den Schnee, mal sitzt er nachdenklich auf einer Kiste oder fliegt mit einem Taucherhelm als Lowtech-Astronaut ins All. Der Künstler Andrei Roiter (*1960, Moskau) tritt in unterschiedlichsten Gestalten auf. Seine ersten dreissig Lebensjahre im sowjetischen Russland haben ihn gelehrt, Masken und Persönlichkeiten wie Hemden zu wechseln. Schizophrenie war eine selbstverständliche Überlebensstrategie, es gab eine Realität auf der Strasse und eine im Privaten, eine im Kreis der Freunde und eine jenseits davon.
Nun steht Roiter vor den grün gestrichenen Wänden im Untergeschoss des Kunstmuseums und erläutert: «Ich bin keiner in diesen Bildern, nicht dieser, nicht jener und doch irgendwo dazwischen.» Wie diese Zwischenräume in sowjetischen Zeiten ausgesehen haben, wer ihn bei der Entwicklung einer eigenen künstlerischen Sprache begleitet hatte, wird im Blatt ‹Old Friends›, 1994, deutlich. Seinen ehemaligen Freundeszirkel malt Roiter in Form von Kartoffeln, die in einem grünen Kasten dicht nebeneinander liegen, deren Gedanken jedoch als präzises Koordinatennetz weit über die enge Kammer hinausführen. Diese vormalige Intelligenzija - eine in einem intensiven Austausch stehende Künstler- und Literatengruppe zu der Ilya Kabakov, Boris Groys oder Pavel Pepperstein gehörte - ist längst in alle Winde zerstreut. Auch Roiter ist emigriert, lebt nun in Amsterdam und arbeitet mehrheitlich alleine.
Statt dem aktiven Austausch mit Künstlerfreunden wird nun - auf der Zeichnung ‹Home›, 2010, - ein Zelt voller Bücher zu seinem geistigen Zuhause. Oder er schafft sich einen Rückzugsort in einer eiförmigen Baumhütte im Park vor dem Museum - eine Hütte, die unvermittelt zum ‹Kolobok› werden kann, zu einer durch die Welt kollernden russischen Märchengestalt, die sich hier in einer Astgabel niedergelassen hat.
Heimat existiert für den Künstler offenbar nur noch auf Zeit. Entscheidender als die persönliche Positionierung scheint der offene Fluchtweg zu sein. Denn kreisrunde Löcher sind überall anzutreffen: in einem alten Reiseköfferchen, als Durchbrüche in einem aufgespannten Zelt oder im Foto eines Spielplatzes. Die von Roswitha Schild im Namen des Solothurner Kunstvereins kuratierte Schau stellt einen Go-Between zwischen zwei Kulturen vor. Roiter lebt ein widersprüchliches Künstlerbild vor - eine Flucht vor sich selbst, die letztlich zu sich selbst führt.

Bis: 13.11.2011


‹Andrei Roiter, Runaway›, Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg, 2011



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Ausgabe 11  2011
Ausstellungen Andrei Roiter [20.08.11-13.11.11]
Institutionen Kunstmuseum Solothurn [Solothurn/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Andrei Roiter
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