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Besprechung
11.2011


Franz Krähenbühl :  Das Kunstmuseum Thun wagt mit den Künstlern Davide Cascio und Peter Stämpfli den Spagat. Fast vierzig Jahre Altersunterschied trennen den im Tessin geborenen Cascio von dem Berner Stämpfli, doch die Parallelen offenbaren sich im Dialog der nebeneinander ausgestellten Arbeiten.


Thun : Davide Cascio und Peter Stämpfli, ‹James Bond & Pin-Ups›


  
links: Davide Cascio · Be-building, Nr. 5, 2009, Collage auf Papier, Serie insgesamt 6,33 x 24 cm. Courtesy Nicolas Krupp GmbH, Contemporary Art Basel
rechts: Peter Stämpfli · Champion de Luxe, 1970, Öl auf Leinwand, 190 x 520 cm, Sammlung Kunstmuseum Thun


Beide in Paris lebend, nehmen sie Zeit- und Stilfragen der Sechziger- und Siebzigerjahre als Referenz in ihrem Werk auf und befragen sie auf Versprechen und Illusionen der Zeit. Stämpfli, der bedeutendste Vertreter der helvetischen Pop-Art, malt stilisierte, stark vergrösserte und auf weissem Hintergrund isolierte Konsumprodukte, bevor er sich Ende der Sechzigerjahre seinem Hauptmotiv zuwendet: dem Autoreifen und dessen Profil. Auch hier nähert sich sein Blick dem Detail, das er farblich verfremdet auf grosse Leinwände überträgt. Die vormals reduzierten Farben werden durch kontrastierende Grundfarben ersetzt. Aus dem Alltagsmotiv werden geometrische Farbfeldtafeln, deren motivischer Ursprung ohne Blick auf die früheren Bilder sich heute kaum mehr erkennen liesse.
Der Weg von der gegenständlichen Abbildung zur formalen Bildsprache ist nicht zuletzt auch in den beiden prägnanten Videoarbeiten nachvollziehbar: Vermitteln in ‹Firebird›, 1969, die Detailaufnahmen des Fahrzeugtyps gleichen Namens eine offensichtliche Faszination für das Gefährt, so scheint sich das Interesse bei ‹Ligne continue›, 1974, auf den Rhythmus und den Bildaufbau verlagert zu haben. Tatsächlich filmte Stämpfli mit der gegen den Boden gerichteten Kamera die Strassenmarkierungen während einer Fahrradfahrt.
Der farbliche und formgebende Aspekt der Bildkomposition ist ebenfalls ein zentrales Element in den Collagen von Davide Cascio. Das Ausgangsmaterial - aus Mode- und Wohnmagazinen stammende Fotomodelle, Mobiliar, Blumen und Stoffelemente -
arrangiert er zu komplexen Gefügen, verliert dabei aber nie den zeittypischen Bildcharakter der Sechziger- und Siebzigerjahre. Die Spannweite des Referenzsystems in den Arbeiten von Cascio machen die Titel deutlich: Suggeriert ‹Pin-Ups›, 2007, eine Bezugnahme auf die Trivialkultur der billigen und massenhaft produzierten Erotikbildchen, so entschlüsselt sich die Beziehung der einzelnen Collagen untereinander durch den zweiten Teil des Titels wie ‹Quadroto› oder ‹Pentagono› sowie einer anspruchsvollen Grafik, die astrologische, sprachliche und geometrische Verweise schafft. Thematisch verankert in einem Zeitgeist der Euphorie und des unbegrenzten Konsums, bewahren Cascio und Stämpfli dazu eine gesunde und kritische Distanz.

Bis: 20.11.2011



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Ausgabe 11  2011
Ausstellungen Davide Cascio, Peter Stämpfli [24.09.11-20.11.11]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in Franz Krähenbühl
Künstler/in Davide Cascio
Künstler/in Peter Stämpfli
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