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Besprechung
11.2011


Dominique von Burg :  Die Holzskulpturen von Wifredo Díaz Valdéz aus dekonstruierten Alltagsobjekten umkreisen in symbolischer Verdichtung ontologische Fragen. Trotz seiner Entdeckung 1985 an der Biennale von São Paulo blieb er nur regional beachtet, was sich nun mit der jetzigen Überblicksausstellung zweifellos ändert.


Zürich : Wifredo Díaz Valdéz, ‹Construir Desconstruyendo›


  
Wifredo Díaz Valdéz · Butaca, 1984, Holz und Jute, geschlossen 79,5 x 56,5 x 45,5 cm. Foto: Bruno Alder


Ein Teil der surrealen Filmtrilogie ‹Tokyo!›, 2009, von Michel Gondry, Leos Carax und Bong Joon-ho handelt von einer jungen, sich unnütz und unbeachtet fühlenden Frau, die sich sukzessive in einen Stuhl verwandelt und so durch Tokios Stras­sen stakst. An dieses unvergessliche Bild einer Verlorenen erinnert auffällig der Armsessel aus Eiche mit aufgeklappter Rückenlehne und geknickten Beinen: ‹Butaca›, 1984. Der in Montevideo lebende Künstler Wifredo Díaz Valdéz (*1932, Treinta y Tres) zerlegte einen Holzstuhl und gestaltete ihn zu einem anthropomorphen Objekt um. Damit schuf er ein augenfälliges Bild für ein aus den Fugen geratenes Leben. Diese dekonstruierende Arbeitsweise von Valdéz, der sein Leben lang parallel auch als Schreiner gearbeitet hat, hat Methode: Mit ausgeprägter handwerklicher Geschicklichkeit zerlegt er alltägliche Gegenstände und kreiert aus ihnen signifikant veränderte Objekte. Diese sind oft von einer animistischen Energie durchpulst und reflektieren in ihren transformatorischen Prozessen existenzielle Themen. So versinnbildlicht ‹Rueda›, 1988, ein altes, teilweise demontiertes Wagenrad, das Schicksal und den Kreislauf des Lebens. Die ‹Bochas›, 1991 - Bocciakugeln - lassen sich aufklappen und entblössen ein facettenreiches Innenleben, das wie ein sich aufrichtender Krebs seine Zangen entfaltet. ‹America del Sur›, 1997, ein Holzobjekt mit den weiten Schwingen eines Albatros, ist an seiner Basis in Ketten gelegt und erzählt von der lange währenden Unterdrückung des uruguayischen Volkes.
Die Verquickung einer mythischen Weltsicht mit surrealen Elementen prägt auch die Literatur von bekannten südamerikanischen Autorinnen und Autoren wie Pablo Neruda, Gabriel García Márquez, Isabel Allende, Paulo Coelho, Carlos Fuentes oder Mario Vargas Llosa. Trotz Globalisierung ist diese Tradition - teilweise durchwoben von kolonialem Barock und testimonialen Texten - ungebrochen. Sprachlich und stilistisch äussert sie sich in nichtlinearen Romanstrukturen, inneren Monologen, unzusammenhängenden und verschachtelten Bildern, Metaphern und Allegorien. Zu diesem unvergleichlichen Sprachkosmos hat Valdéz mit seinen Holzskulpturen ein prägnantes Äquivalent geschaffen. Unmittelbar spiegelt es sich in den Holzkästchen, ‹4 Cajas y trozo de viga›, 1991/92, die sich auf spielerisch ausgeklügelte Art mittels hölzerner Stecker und Scharniere sukzessive ausklappen und in geometrische, variantenreiche Formenkonstellationen auseinanderfalten lassen.

Bis: 06.11.2011



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Ausgabe 11  2011
Ausstellungen Daros: Wifredo Díaz Valdéz [27.08.11-06.11.11]
Institutionen Hubertus Exhibitions [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Wifredo Díaz Valdéz
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