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Fokus
12.2011


 Der Anstieg der Meeresspiegel wurde in einem im Juni erschienenen UN-Bericht wieder einmal nach oben korrigiert und die polaren Eiskappen erreichten in diesem September ein neues historisches Rekordminimum - die Klimakatastrophe geht voran. Da macht es Sinn, dass ein Künstler wie Tomás Saraceno unseren Lebensraum in den Himmel verlegen will. Die «realisierbaren Utopien» seiner kugelförmigen, in der Luft hängenden «Biosphären» (Saraceno) ziehen jedenfalls schon jetzt ästhetische Konsequenzen aus der zunehmenden Unbewohnbarkeit unseres Planeten.


Tomás Saraceno - Ökologische Luftschlösser?


von: Raimar Stange

  
links: Cloud Cities, 2011, Installationsansicht Hamburger Bahnhof. Foto: Tomás Saraceno
rechts: Cloud Cities, 2011, Entwurfszeichnung Hamburger Bahnhof.


Die Venedig Biennale 2009 brachte Tomás Saraceno endgültig den internationalen Erfolg. Damals zeigte der junge, in Argentinien geborene Künstler seine Installation ‹Galaxies Forming along Filaments, like Droplets along the Strands of a Spider's Web›, 2009, die den Ausstellungsraum komplett einnahm. Saraceno inszenierte hier eine architektonische Setzung aus PVC-Blasen und elastischen schwarzen Seilen, die nicht von ungefähr an Spinnennetze erinnerte. Der Künstler hatte damals nämlich in seinem Studio in Frankfurt/M die visuellen Daten eines dreidimensionalen Spinnennetzes, gesponnen übrigens von einer Schwarzen Witwe, eingescannt und diese filigranen Strukturen dann in seiner Installation in raumfüllende Dimensionen übersetzt. So schuf er in Venedig nicht nur eine konkrete Metapher für «soziale Netzwerke», er untersuchte vor allem auch die konstruktiven architektonischen Möglichkeiten des Spinnennetzes, vor allem seine Fähigkeit, Lasten zu tragen, um diese später für alternative Architektur- und Lebensformen nutzen zu können.
«Wenn man einen Wassertropfen auf einem Spinnennetz sieht, dann merkt man wie dieser eigentlich schwere Tropfen von beinahe nichts gehalten wird», schwärmte Saraceno - durchaus zu Recht, denn die Tragkraft des Spinnennetzes ist, in Relation zu seinem Gewicht, viermal grösser als die eines Stahlseiles. Zudem permutierte der studierte Architekt in ‹Galaxies Forming along Filaments, like Droplets along the Strands of a Spider's Web› diverse geometrische Muster, einerseits um die optimale Form für seine Art der tragenden Vernetzung zu finden, andererseits aber auch um eine ästhetisch ansprechende Konstellation im Raum zu präsentieren. Denn eben in diesem Dialog zwischen anwendbarem Design und rein ästhetischer, bloss Form bewusster Gestaltung bewegt sich diese Kunst immer wieder. Das von Saraceno selbst gewählte Begriffspaar der «realisierbaren Utopie» drückt gerade in seiner semantischen Widersprüchlichkeit - Utopien sind per definitionem nicht realisierbar! - genau diese künstlerische Gratwanderung aus.

Modellhaft
Tomás Saracenos Kunst basiert, und dieses gilt in seiner Künstlergeneration beispielsweise auch für Ricardo Previdi und Heide Deigert oder für die etwas älteren Künstlergruppen N55 und Superflex, auf den utopistischen Ideen von Buckminster Fuller, Yona Friedman, Constant, der Archigram Gruppe und auf den real existierenden Architekturen von Urs Frei. Aspekte wie «mobile Strukturen», «modellhaftes Experimentieren» und «modulare Einheiten» etwa prägen dieses Denken, das nun in der Kunst jenseits von Forderungen nach schneller und direkter Umsetzung zu neuen ästhetischen Formen gerinnt. Dabei geht es den Künstler/innen aber nicht primär um so etwas wie verträumte Spielereien, vielmehr wird stets der Anspruch mitformuliert, diese ästhetischen Formen könnten durchaus auch Prototypen sein für spätere, zukunftsweisende Realisierungen. Genau darum arbeitet der Künstler - auch in dieser Hinsicht ist er in seiner Generation keine Ausnahme - in einem mehrköpfigen Team, zusammengesetzt aus Mitgliedern, die unterschiedlich qualifiziert sind. Wissenschaftler, Designer und Handwerker etwa kooperieren hier unter Saracenos künstlerischer Leitung. Sein Atelier wird so fast schon zum experimentellen Labor, das im Spannungsfeld von Utopie und Alltag arbeitet. Der «reale Utopist» beschreibt es in einem TV-Interview so: «Spinnennetze, Astrophysiker und dazwischen ich, als Künstler - so versuche ich, Dinge zu verbinden und dabei zum Dialog anzuregen.»

Cloud Cities
In der mächtigen Ausstellungshalle des Hamburger Bahnhofes zeigt Saraceno derzeit seine grossangelegte Ausstellung ‹Cloud Cities›. Die Arbeit gehört zum Werkzyklus der ‹Air-Port-City› und zu den ‹Flying Gardens›, an denen der Künstler seit Anfang des neuen Millenniums arbeitet. Ein Leben ohne Bodenhaftung oben in den Wolken steht hier also zur Disposition - und immerhin leben ja, so haben neuere Forschungen erwiesen, jetzt schon Bakterien in Wolken, die sich mit Eis und Wassertropfen umgeben und so ihre Existenz sichern. ‹Cloud Cities› ist, wie bereits schon ‹Galaxies Forming along Filaments, like Droplets along the Strands of a Spider's Web›, eine raumfüllende Installation, die dank ihrer Grösse versucht, mehr zu sein als blosses Modell. Stattdessen stellt die Arbeit ein dreidimensionales Raumgeflecht dar, das tatsächlich benutzbar ist.
Aber der Reihe nach: Saraceno hat gemeinsam mit seinem Team und den Aufbauhilfen des Museums kugelförmige Kunststoffblasen, sogenannte «Biosphären», mit stählernen Netzen so im Raum vertaut, dass sie in luftiger Höhe unter der Decke der Ausstellungshalle des ehemaligen Bahnhofs hängen. Wieder durchzieht also ein auf ein Spinnennetz anspielendes Gewirr den Raum, dessen Durchquerung dadurch bewusst erschwert wird. Das Publikum muss sich seinen Weg behutsam suchen und dabei zwangsläufig konzentriert die Installation des Künstlers wahrnehmen, beispielsweise die auf dem Boden liegenden kleineren Kapseln, die mit Wasser gefüllt sind. Man sieht, dass diese Kapseln einige der grösseren «Biosphären» bewässern, die von Pflanzen besiedelt sind. Andere der scheinbar schwebenden, dadurch auch an Seifenblasen erinnernden «Biosphären» können über Leitern betreten und quasi als Hüpfburg benutzt werden. Überaus spielerisch kann das Sichbewegen in einer ‹Cloud City›, in dieser utopischen Lebenswelt, erprobt werden. Den Zweck dieser so ästhetischen wie experimentellen Übung erklärt Saraceno gemäss der Pressemeldung des Hamburger Bahnhofs folgendermassen: Die ‹Cloud Cities› seien «eine Struktur, die darauf aus ist, die heutigen politischen, sozialen und militärischen Begrenzungen in einen Versuch herauszufordern, neue Konzepte der Synergie wieder zu etablieren. Weit oben im Himmel wird diese Wolke sein, eine bewohnbare Plattform, die in der Luft schwebt».

Ambivalenzen
Saracenos Kunst ist wohl derzeit die Kunst, die im Kontext von «Kunst und Klimawandel» im internationalen Kunstbetrieb am meisten für Aufsehen sorgt. Dieser Erfolg aber ist auch ambivalenter Natur: Einerseits heben sich diese Arbeiten von unzähligen Artefakten ab, die mit ziel- und handlungsorientierten Praktiken zur Erhaltung des Planeten beitragen möchten, indem sie pragmatisch Einfluss auf bewusstes Konsumverhalten und Energieverbrauch nehmen, dabei zudem ökonomisch rentabel sind. Solche Kunst, die jüngst beispielsweise auf dem Festival ‹Über Lebenskunst› im Berliner Haus der Kulturen der Welt den Ton angab, entpolitisiert nicht nur bewusst die Klimakatastrophe, meist übersieht sie zudem eben die Qualitäten, die Kunst schon immer mit ausgezeichnet hat, und die in Saracenos Ästhetik stilbildend sind, nämlich die von spielerischer Imagination, utopistischem Experimentieren und ästhetischem Anspruch. Nun sorgen aber genau diese Qualitäten dafür, dass der vom Künstler selbst geäusserte Anspruch, politische, soziale und militärische Begrenzungen herauszufordern, in der allzu «heiter» (Friedrich Schiller) werdenden Kunst zu versanden droht. Eine Hüpfburg ist eben eine Hüpfburg ... Die engagierte Intelligenz Saracenos aber wird sich in Zukunft wohl auch an diesem Problem produktiv reiben.
Raimar Stange (*1960, Hannover) ist «freier» Kritiker und Kurator in Berlin.

Bis: 15.01.2012


‹Cloud Cities›, Hamburger Bahnhof, Zur Ausstellung ist die bisher erste Monografie des Künstlers erschienen: ‹Tomás Saraceno Cloud Cities. Installationen - zwischen Wissenschaft und Kunst›, Hg. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf; Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin, mit Texten von Marion Ackermann, Daniel Birnbaum, Udo Kittelmann, Hans Ulrich Obrist, d/e, Distanz Verlag Berlin

Tomás Saraceno (*1973, San Miguel de Tucuman, Argentinien) lebt und arbeitet in Frankfurt/Main
1992-1999 Nationale Universität Buenos Aires
2001-2003 Staatliche Hochschule für Bildende Künste, Städelschule, Frankfurt/Main

Einzelausstellungen (Auswahl)
2006 Cumulus, Barbican Art Centre, London
2007 ‹Air-Port-City›, De Vleeshal, Middleburg
2008 ‹Cloud Dunes›, Fondazione Edoardo Garrone, Genf; ‹Galaxies Forming along Filaments, like Droplets along the Strands of a Spider's Web›, Tanya Bonakdar Gallery, New York
2009 ‹Biosphere›, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen; ‹Cloudy House›, Andersen's Contemporary, Berlin
2010 ‹Cloud Cities Connectome›, Tanya Bonakdar Gallery, New York
2011 ‹Cloud-specific›, Kemper Art Museum, St. Louis



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Ausgabe 12  2011
Ausstellungen Tomas Saraceno [15.09.11-19.02.12]
Institutionen Hamburger Bahnhof [Berlin/Deutschland]
Institutionen K21 Kunstsammlung NRW [Düsseldorf/Deutschland]
Autor/in Raimar Stange
Künstler/in Tomas Saraceno
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