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Fokus
12.2011


 Mit dem Baugerüst an der Fassade der Galerie BolteLang in Zürich hat Vanessa Billy nichts zu tun. Mit dem Bauschutt und den Armierungseisen im Ausstellungsraum hingegen schon. Die junge Genferin schafft damit organische Formstudien, die auch die harte Realität nicht ausklammern.


Vanessa Billy - Das Periodensystem des menschlichen Daseins


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Start here, go anywhere, 2011, Collage, 31,8 x 25,4 cm. Alle Werke Courtesy BolteLang, Zürich
rechts: Push and Pull, 2011, Keramik, Seil, 31 x 34 x 3 cm. Foto: Alexander Hana


Den Vorwurf hört die junge zeitgenössische Kunst oft: Dass sie den Aktivismus gerne dem Formalismus opfert. Dabei sind die Grenzen gar nicht immer so klar definiert. Zum Beispiel in den aktuellen Papierarbeiten der Genferin Vanessa Billy. Die in Zürich und London lebende Künstlerin hat dafür gebrauchtes Schmieröl auf farbige Papiere getropft und dann gewartet, bis sich das Öl durchs Papier gesogen und sich über das ganze Blatt verteilt hat. Das sind einerseits Studien der zufälligen Formfindung. Durch die Titel, zum Beispiel ‹Oil Spill on Skin›, 2011, oder die Färbung des Papiers, ein helles Wasserblau etwa, verweisen die Werke aber andererseits auch auf die ökologischen Nachteile fossiler Brennstoffe. Und sie lassen an die Ölverschmutzung von Meerwasser nach einer Tankerhavarie denken, wie wir sie regelmässig in den Nachrichten zu sehen bekommen.
Oder eine Arbeit, die in Billys Einzelausstellung ‹Three Times a Day› Anfang 2011 im Kunsthaus Baselland zu sehen war: Wasser in einem zugeknüpften Plastiksack, der neben gefundenen Steinen auf dem Boden lag. Die Ressource Wasser wird hier in exakt dem Material ausgestellt, das die Meere drastisch verschmutzt und sich in einer riesigen Plastikinsel sammelt. Oder dann eine raumfüllende Installation in der aktuellen Schau bei BolteLang in Zürich: Hier hat Billy kiloweise Bauschutt auf dem Boden verteilt und darauf verschiedenfarbige Frotteetücher drapiert. «Wenn man in der Zeitung über Erdbeben liest, bekommt die Arbeit sofort einen düsteren Unterton», so Billy. «Aber das ist natürlich rein persönliche Interpretationssache.»
Man darf in Billys Arbeit also durchaus etwas Aktivistisches sehen. Genauso aber kann man sich ihr vor allem auf formaler Ebene nähern: Dann geht es beim Wassersack um die völlig unterschiedlichen physikalischen Eigenschaften von Wasser und Stein - bei dennoch sehr ähnlicher runder Form. Bei den Oil Spills sind eher Fragen nach der materialinhärenten Komposition zentral. Und bei ‹Making Do›, der schuttüberfüllten Installation, entsteht nicht zuletzt ein formal reduziertes Bild: Mit den zerbröckelten Backsteinen als Grundierung und den Frotteetüchern als Farbfeldern. Zudem ist hier die Haptik wichtig: «Ich kombiniere oft weiche Materialien, die man nah an den menschlichen Körper heranlässt - oder die vielleicht sogar für diesen stehen können -, mit harten, rauhen Stoffen», so die Künstlerin. «Ausserdem betonen die Tücher die Topografie des Schutts.»

Die Topografie des Bauschutts
Allerdings weniger in explizit humorvoller Art, wie das etwa in Peter Fischli und David Weiss' Fotografie ‹In den Bergen› von 1979 geschieht, in der Kissen schneebedeckte Berge spielen. Vielmehr geht es hier auch um die nicht gerade schöne Vorstellung, wie man sich am Strand auf die Tücher legen könnte. Dennoch hat auch der Humor durchaus seinen Platz in Billys Œuvre: etwa in flachen Zementplastiken, die sich fast in Raumecken verstecken. Die teils mit Pigmenten eingefärbten Fladen sind schlicht gefaltet, ganz ähnlich wie Crêpes am Imbissstand. «Wie es in meiner Arbeit oft der Fall ist, sind das Zufallsprodukte: Weil ich meinen kleinen Zementmischer im Atelier immer gut reinigen muss, haben sich Fladen aus Zementresten angesammelt. Irgendwann habe ich sie dann einfach zusammengefaltet», erklärt Vanessa Billy.

Geld zu Erde, Portemonnaie zu Staub
Ohnehin arbeitet Billy quasi in einem offenen Prozess: «Ich lerne aus Unfällen. Und oft muss ich einsehen, dass ich nicht das realisieren kann, was ich will - sondern das, was das Material will.» Wie ein ausformulierter und transparenter Arbeitsprozess kommt denn auch ein weiteres aktuelles Werk daher, ‹Table of Elements›, 2011. Im Titel klingt das Periodensystem der chemischen Elemente an. Es handelt sich bei der Arbeit jedoch auch buchstäblich um einen niedrigen Tisch. Darauf sind drapiert: eine Uhr, ein Portemonnaie, drei aus Gips gegossene Kartoffeln und eine geknetete, längliche Keramikform. Das alles scheint von einer Masse - aussehend wie der Guss auf Kuchen, aber eigentlich ebenfalls Gips - auf dem Tischchen zusammengehalten zu werden. Einer Collage nicht unähnlich, zumal Billy auch immer wieder zweidimensionale Collagen schafft.
Dieses Periodensystem systematisiert aber nicht die chemischen Grundelemente, sondern eher die Grundlagen menschlichen Seins: Zeit, Geld, Essen, Produzieren. Die Uhr geht auch wirklich richtig, allerdings liegt um den Geldbeutel herum Erde. «Ich habe das Portemonnaie in London gefunden, und es hat mich ungemein fasziniert: Ein Geldbeutel, der aussieht wie Erde», erinnert sich Billy. Man kann daraus ebenfalls eine kritische Haltung lesen. Dass nämlich auch für den Kapitalismus gilt: Erde zu Erde, Staub zu Staub. Und dass die aktuellen Krisen bedeuten, dass sich das abstrakte Ersatzmittel Geld langsam selber abschafft und wieder handfestere, konkretere Materialien wie Erde wichtiger werden. Man kann. Wenn man aber nicht will, dann geht es hier einfach um den verwunderlichen und schön anzuschauenden Zufall, dass ein hochzivilisiertes menschliches Erzeugnis und rohe Erde die exakt gleiche Farbe haben.
Daniel Morgenthaler ist freischaffender Kunstjournalist in Zürich.

Bis: 03.12.2011


Vanessa Billy (*1978, Genf) lebt in Zürich und London
1998 Foundation, Saint Martins College, London
2000 Austauschsemester, The Cooper Union School, New York
2001 BA Fine Art, Chelsea College of Art, London

Einzelausstellungen
2011 ‹Three times a day›, Kunsthaus Baselland, Basel; ‹Natural means something like vegetables›, Christina Wilson Gallery, Kopenhagen
2010 ‹Who shapes what›, Limoncello, London
2009 ‹Surfaces for the mind to rest or to sink in›, The Photographers Gallery, London; ‹Stream, river, lake, river, stream›, BolteLang, Zürich



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Ausgabe 12  2011
Ausstellungen Vanessa Billy [21.10.11-03.12.11]
Ausstellungen Tearing Down, Building Up [10.11.11-26.11.11]
Ausstellungen Vanessa Billy, Valentin Carron, Liz Larner u.a. [12.11.11-20.12.11]
Institutionen BolteLang [Zürich/Schweiz]
Institutionen Corner College [Zürich/Schweiz]
Institutionen Michael Janssen [Berlin/Deutschland]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Vanessa Billy
Künstler/in Valentin Carron
Künstler/in Liz Larner
Künstler/in Joris van de Moortel
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