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Fokus
12.2011


 Ausgehend von einem Vokabular paranormaler Phänomene, das aus zahlreichen Geisterfilmen zusammengetragen wurde, präsentiert Florian Germann mit ‹The Poltergeist Experimental Group (PEG) Applied Spirituality and Physical Spirit Manifestation› einen entsprechenden Werkkorpus. Seine bisher grösste Einzelausstellung im migros museum für gegenwartskunst demaskiert und verschleiert gleichsam mit Ironie dieses der Trivialkultur entstammende Motiv.


Florian Germann - Von Poltergeistern und Werwölfen


von: Franz Krähenbühl

  
links: Untitled (Der Werwolf von Wien), 2009, Gouache und Farbstift auf Holz, 41,5 x 31,2 cm. Alle Werke Courtesy BolteLang, Zürich. Foto: Hans-Jörg F. Walter
rechts: R.A.D.T.D.B., 2010, Stahl, Sperrholz, Nylon, Ton. Foto: Alexander Hana


Der titelgebende Protagonist kommt in der Ausstellung selbst nicht vor, aber er dient Germann als Projektionsfläche für seine Arbeit. Der Künstler webt um das schwer fassbare Phänomen des Poltergeists eigene Geschichten, die er mittels einzelner Versuchsanlagen überprüft. Der gelernte Steinbildhauer arbeitet dabei nicht traditionell subtraktiv, sondern handelt additiv. Die im Museum vorhandenen unbetitelten Werkteile eines noch immer nicht abgeschlossenen Ganzen stehen alle in enger formaler, materieller, historischer sowie narrativer Beziehung zueinander - ein Werkverständnis, das auch die Migration älterer Teile erlaubt.
Die im migros museum erstmals gezeigten Arbeiten führen thematisch die fabelhaft-mysteriöse Figur des Werwolfs weiter. Diese erfundene Gestalt verortet der im Thurgau geborene Künstler in Wien, obwohl einzelne Objekte tatsächlich aus Rumänien stammen oder zumindest von dort inspiriert worden sind. Hat Germann die Labialorgelpfeifen für die aktuelle Ausstellung selber detailgetreu bei einem Pfeifenbauer hergestellt, sollen diejenigen im Werkzyklus ‹Der Werwolf von Wien› aus einer alten rumänischen Kirche stammen. Angeblich überlebten sie den Abbruch, bei dem das Holz der Orgel der Bevölkerung zum Heizen verteilt wurde. Hatten letztere in ihrer ursprünglichen Funktion ausgedient, als sich der Künstler ihrer annahm, wären auch erstere durchaus in der Lage gewesen zu klingen, doch das ist nicht intendiert. Vielmehr fasziniert den Künstler die Wandelbarkeit dieser Metallzylinder, die als exemplarisches sakrales Instrument eine Institution repräsentieren und damit Fragen nach möglichen Parallelen eröffnen: Vom akustischen Hilfsmittel der Liturgie wurden die Pfeifen zur primitiven Heizung umfunktioniert oder durch gezielte Fremdeinwirkung deformiert. Seine Arbeit stelle der mit Symbolen und Ritualen voll beladenen Kirche etwas entgegen. Antrieb und Motivation für sein Schaffen sei stets die Frage nach dem Ursprung, der Ontologie der Dinge - der künstlerische Prozess entspreche der Aneignung von Wissen. Die von einer hohen Handwerklichkeit geprägten Werkfragmente entstehen nacheinander, doch sind bereits zu Beginn die zu verwendenden Materialien bekannt.

Zeichnen als methodisches Instrument
Zeichnungen, die in Form von Texten die Werkgruppe ‹Der Werwolf von Wien› begleiten, beschreiben vermutete Umstände, unter denen der Mensch zum Werwolf wird. Unter dem Titel ‹Clinical Lycantropy in Fact› werden Symptome oder Erlebnisberichte befallener Patienten (aus dem griechischen Lykánthropos, lykos = Wolf und ánthropos = Mensch) aufgeführt oder in trockener Sprache die astronomische Konstellation bei Vollmond erläutert. Der Ursprung dieser Texte lässt sich nicht eruieren, doch die Kombination von wissenschaftlichen mit erfundenen Fakten suggeriert Seriosität. Die offensichtliche Vermengung deckt Mechanismen dieses Genres auf und offenbart, wie viel Aberglaube nach wie vor in unserer rationalen und technikgläubigen Gesellschaft existiert. Gehörten Zeichnungen bisher zum integralen Bestandteil der ausgestellten Werkzyklen, so fällt auf, dass diese in der jetzigen Präsentation fehlen. Zeichnen sei noch immer essentiell für die thematische Ausarbeitung, doch erscheinen sie dem Künstler nun zu persönlich. Sie zeigten denn auch früher nicht Modellansichten oder Pläne seiner Objekte, sondern bestehen aus Notizen, Skizzen fantastischer Maschinen und unbekannten Formeln, die zusammengefügt skurrile assoziative Bildergeschichten ergeben.

Vom Aktivieren zum Veränderlichen
Allen Objekten in der aktuellen Ausstellung sind äussere Einwirkungen gemeinsam, die sich mal brachialer, mal subtiler eingeschrieben haben. Wiesen die Objekte bei der Ankunft im Museum noch eine nahezu jungfräuliche Perfektion auf, wurden sie durch den Künstler «geschändet», um sie in einen unaufhaltsamen Prozess der Veränderung zu überführen. Diese Transformationen wurden wenige Tage vor der Ausstellungseröffnung herbeigeführt. Da manche chemische Prozesse, wie das in der Kunst bereits erprobte Urinieren über Kupfer, länger dauern, bis sie erkennbar werden, könnte von einer nachträglichen Aktivierung des Werkes durch Germann gesprochen werden. Dabei geht es ihm nicht um eine Reverenz an einen Künstler, der ähnliche Gesten bereits früher vollführt hatte, sondern um die Sichtbarmachung einer Handlung über einen im Material aufgezeichneten Energiefluss. Die manifesten Spuren erlauben Rückschlüsse auf den Aktivierungsprozess, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand und regen gleichzeitig zu Spekulationen an, ob es sich dabei um eine seriöse Überprüfung eines Phänomens mittels eines Experiments oder um eine geschickte Selbstinszenierung des Künstlers handelt.

Von den Dingen die Geschichte
Den von Germann bearbeiteten Themengebieten ist gemein, dass sie allesamt aus einer unabgeschlossenen Anzahl Versatzstücken bestehen, die wie Fragmente einer Geschichte funktionieren. Die sichtbaren Elemente bilden einen Teil des Rahmens oder die Eckpunkte einer Narration, ohne den Erzählstrang offenzulegen. Das individuelle Bestreben des Betrachters, einen sinnstiftenden Zusammenhang durch offensichtliche oder potentielle Bezugnahmen der Objekte untereinander zu erreichen, entspricht der angestrebten subjektiven Erfahrung wie auch der eigenen persönlichen Geschichte, die der Künstler den Besuchenden vermitteln will. So sind nicht die einzelnen Werke als hermetische Objekte zu ergründen, vielmehr zeigen sich die Konturen der Arbeit irgendwo dazwischen.
Germann lädt das Ausstellungspublikum ein, sich von der reichhaltigen, flächig-verwobenen und mythischen Geschichte leiten zu lassen. Die stete akustische Berieselung durch Auszüge aus Geisterfilmen, die pseudowissenschaftliche Experimentdisposition sowie Objekte und Relikte, die zwischen vermeintlich Unerklärlichem und suggestiv Analytischem oszillieren, unterstützen diese geistige Reise. Da er nun mal kein besserer Schreiber geworden sei, mache er halt Kunst, so Germann. Die aktuelle Ausstellung macht diesen Mangel durch Direkterfahrung wett.
Franz Krähenbühl ist als Kunstwissenschaftler, Kritiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Gegenwartskunst der Zürcher Hochschule der Künste tätig.

Bis: 11.01.2012


Katalogvernissage und Aktion des Kuenstlers, 11.1., 19 Uhr

Florian Germann (*1978, Thurgau) lebt in Zuerich
1995-1996 Ausbildung als Moebelschreiner
1996-2000 Ausbildung als Steinbildhauer
2000-2003 Assistenz als Restaurator, Winterthur
2004-2008 BA Fine Art, ZHdK, Zuerich
2009 National Art Suisse Prize

Einzelausstellungen (Auswahl)
2007 Ballungscenter aller Energien I, Amberg & Marti, Zuerich
2009 Der Werwolf von Wien, BolteLang, Zuerich; Napoleon I, San Keller's Kiosk, Zuerich
2010 St. Helena / Reichtuemer aus den Tiefen der Berge, BolteLang, Zuerich
2011 The Poltergeist Experimental Group (PEG) Applied Spirituality and Physical Manifestation, migros museum fuer gegenwartskunst, Zuerich



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Ausgabe 12  2011
Ausstellungen Florian Germann [19.11.11-15.01.12]
Video Video
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Franz Krähenbühl
Künstler/in Florian Germann
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