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Fokus
12.2011


 Seit über 25 Jahren belebt die Kunst Halle St.Gallen den Rand der Schweiz mit Ausstellungen auf hohem Niveau. 1985 als Verein in einem absoluten Vakuum gegründet, spielt die heute von Giovanni Carmine geleitete Institution im internationalen Diskurs um künstlerische Positionen ganz vorne mit. Die breite Akzeptanz aber fehlt noch immer.


Förderpolitik - ... kann mehr als finanzielle Unterstützung bieten


von: Ursula Badrutt Schoch

  
Giovanni Carmine beim Ausstellungsaufbau mit Sven Augustijnen


Badrutt: Die Kunst Halle St.Gallen hat sich zu einer etablierten und vergleichsweise gut unterstützten Institution entwickelt. Gibt es trotzdem Grund zum Klagen?
Carmine: Aus der Sicht der Institution gibt es immer Grund dazu. Kunstinstitutionen sind sehr delikate Organismen. Es ist eine meiner Aufgaben, für die Kunst Halle eine beschützende Rolle einzunehmen und immer noch bessere Konditionen für die Institution auszuhandeln. Klagen gehört zum Job.
Badrutt: Die Kunst Halle ist in den vergangenen zwanzig Jahren in den räumlichen, finanziellen und inhaltlichen Ansprüchen gewachsen. Stimmen die Relationen zwischen den einzelnen Wachstumsraten?
Carmine: Die Kunst Halle ist organisch gewachsen und hat sich in der Kulturpolitik von Stadt und Kanton St.Gallen etabliert. Der Wechsel vom ersten Stock ins Erdgeschoss 2004 hat eine beachtliche Verbesserung der öffentlichen Wahrnehmung bewirkt. Die inhaltlichen Ansprüche sind mitgewachsen. Die Subventionierung durch Stadt und Kanton hat in den letzten Jahren erneut zugenommen. Wir kommen aber langsam an die Grenze dessen, was die öffentliche Hand für uns tun kann.
Badrutt: Wo kann der Hebel für Verbesserungen angesetzt werden?
Carmine: Wir müssen mehr in die Produktion von Kunstwerken investieren können. Die Arbeiten werden spezifisch für die Kunst Halle, für St.Gallen realisiert. Das kostet sehr viel Geld, auch Künstlerhonorare müssen Teil des Budgets sein. Wir sollten uns vom Markt unabhängiger machen. Darüber hinaus gibt es bei der Vermittlung Verbesserungspotential, sowohl marktstrategisch wie im rein pädagogischen Sinn. Auch das kostet Geld. Zum 25-Jahr-Jubiläum haben wir eine Auktion durchgeführt zur Äufnung des Startkapitals für eine Stiftung, die solche Produktionen ermöglichen kann.
Badrutt: Ihr habt wiederholt für Ausstellungen geplante Werkproduktionen nicht realisiert. Ich denke an den Kraken von David Zink Yi, der dann aber an der Art Basel zu sehen war. Auch in der aktuellen Ausstellung von Sven Augustijnen gibt es die Idee, den verschwundenen Baum als Skulptur zu rekonstruieren.
Carmine: Was wir am Anfang für eine Ausstellung planen, ist nie das, was wir realisieren können. Das zu akzeptieren gehört ebenfalls zum Job. Das sind spannende Prozesse. Wir möchten auch hiesige Unternehmen einbinden. Mit dem Sitterwerk haben wir eine hervorragende Kunstgiesserei direkt vor der Haustüre. Das sollten wir nutzen! Für jedes Projekt suchen wir nach spezifischen Ressourcen. Das braucht Zeit. Der Reiz einer Institution wie der unseren aber ist es, rasch reagieren zu können. Eine Balance zwischen diesen widersprüchlichen Parametern zu finden, ist sehr schwierig.
Badrutt: Wie sieht es mit anderer Unterstützung aus?
Carmine: Wir sind ein Verein und brauchen breite, auch ideelle Rückenstärkung durch Vereinsmitglieder. Wenn die öffentliche Hand heute über 50% unseres Budgets deckt, stellt sich die Frage, ob sie nicht dem Vorstand beitreten sollte - entsprechend einer Aktiengesellschaft, wo die Mehrheitsaktionäre im Verwaltungsrat sitzen. Die öffentliche Hand kann mehr als finanzielle Unterstützung bieten! Ich wünsche mir breiteren Zuspruch, auch von anderen Amtsstellen als den Kulturämtern. Manchmal bin ich nicht sicher, ob die Stadt wirklich daran interessiert ist, ein Kulturcluster in den Räumen des ehemaligen Lagerhauses zu entwickeln. Wir hätten das Museum im Lagerhaus oder das Architekturforum künftig gerne als direkte ebenerdige Nachbarn.
Badrutt: Hat sich mit deiner Mitarbeit an der Biennale Venedig mehr Akzeptanz in Nicht-Kunstkreisen ergeben?
Carmine: Nein, das sind zwei verschiedene Welten. Vielleicht nützt es mittelfristig.


Kunst Halle St.Gallen
Gründung als Verein 1985; Domizil seit 1993 im Lagerhaus, Davidstrasse 40
Direktor seit 2006: Giovanni Carmine (vorher Gianni Jetzer, Dorothea Strauss und Josef Felix Müller)
Fünf bis sechs Ausstellungen jährlich
Finanzierung: CHF 370'000 durch Stadt und Kanton St.Gallen, Betriebsaufwand ca. CHF 600'000/Jahr
Besucherzahlen: rund 8'000/Jahr



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Ausgabe 12  2011
Autor/in Ursula Badrutt Schoch
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