Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
12.2011


Ralf Christofori :  In einer Gemeinschaftsausstellung des Kunstvereins Friedrichshafen und des Zeppelin Museums inszeniert Michael Sailstorfer den Katastrophenfall. Dass er sich dabei dem erwartbaren Reiz-Reaktionsschema des blossen Voyeurismus entzieht, mag verwundern - im Grunde aber ist es nur konsequent.


Friedrichshafen : Michael Sailstorfer


  
Michael Sailstorfer · If I should die in a car crash, it was meant to be a sculpture, 2011, Fiberglas, Eisen, Backsteine, Motor, Drahtseil, Theaterstrahler. Foto: Paul Silberberg


Ein grosses Banner wirbt für die aktuelle Ausstellung von Michael Sailstorfer. «CRASH» steht dort in Versalien, darunter sieht man das rot eingefärbte Foto eines völlig demolierten Porsche 911. Unweigerlich denkt man an Andy Warhols ebenfalls rote ‹Car Crash›-Bilder von 1963 oder an das ein Jahr zuvor entstandene ‹129 DIE in JET (Plane Crash)›. In Friedrichshafen, wo einst der Zeppelin erfunden wurde, wecken andere Katastrophenbilder ähnliche Assoziationen: Es ist der 6. Mai 1937, der Tag, an dem die ‹Hindenburg› - das grösste Luftschiff aller Zeiten - beim Landeanflug in Lakehurst, New Jersey, in Flammen aufging und die Ära der Zeppeline jäh beendete.
Michael Sailstorfer weiss um die suggestive Kraft solcher Katastrophen. Er weiss, wie einfach es wäre, die damit einhergehenden Reiz-Reaktionsschemata zu bedienen. Aber das wäre doch zu simpel. Stattdessen dreht er den Spiess um, indem er Reiz und Reaktion voneinander abkoppelt und der Katastrophe so jegliche suggestive Kraft nimmt. Im Zeppelin Museum hat er die Installation ‹If I should die in a car crash, it was meant to be a sculpture› realisiert. Sie besteht aus dem Nachbau des Porsche 550 Spyder, in dem James Dean ums Leben kam. Bei Sailstorfer ist der Porsche nur eine modellierte Karosserie, die auf einer langen Schiene sitzt. Schiene und Karosserie sind frontal auf eine Backsteinwand gerichtet, ein Stahlseil führt von dem Porsche durch die Wand hindurch zu einer Seilwinde. Die Inszenierung gleicht einer Art Crash-Test-Dummy. Der Reiz ist da. Die Reaktion ist ins Reich der Fantasie verbannt.
Im Kunstverein dreht ein elektrisch angetriebener Autoreifen permanent durch und hinterlässt an der Wand Abriebspuren. Mal beschleunigt der Reifen, dann bremst er wieder ab. Aber auch hier ist die unmittelbare Erfahrung nur so nah, wie es der Titel der Arbeit nahelegt: ‹Zeit ist keine Autobahn›. Im grossen Raum des Kunstvereins schliesslich verlässt Sailstorfer den automobilen Kontext. Die «Reaktoren», die der Künstler auf dem Boden im Raum verteilt, bestehen aus Zementblöcken, in welche Mikrofone einbetoniert sind. Die Blöcke nehmen die von den Schritten oder Bewegungen der Betrachter verursachten Schwingungen auf und übertragen sie in niederfrequente Töne, die wirklich in der Magengrube nachhallen. Aber eben nicht unmittelbar, sondern zeitversetzt. Einmal mehr irritiert Sailstorfer damit die Erwartungen, weil der Betrachter zwar selbst die Reize aussendet, aber die Reaktion völlig unvorhersehbar und unerwartet eintritt.

Bis: 08.01.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 12  2011
Ausstellungen Michael Sailstorfer [07.10.11-08.01.12]
Institutionen Kunstverein Friedrichshafen [Friedrichshafen/Deutschland]
Institutionen Zeppelin Museum [Friedrichshafen/Deutschland]
Autor/in Ralf Christofori
Künstler/in Michael Sailstorfer
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1111251437264DA-11
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.