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Besprechung
12.2011


Stefan Wagner :  Schon immer war der Stift ein probates Instrument gesellschaftlichen Widerstands. Ingo Giezendanner greift nach ihm, um urbane und soziale Transformationsprozesse einzufangen. Sein hartnäckiges Festhalten am Stadtmotiv hat über Jahre an Kontur gewonnen, ist zur kritischen Geschichtsschreibung geworden.


Zürich : Ingo Giezendanner, ‹C'est l'odeur qui fait l'image›


  
Ingo Giezendanner · Toter Winkel, 2011. Foto: Gerry Amstutz


Die Muse der Kunst kennt diesen Ort nur vom Hörensagen. Eine derbe, olfaktorische Note liegt in der Luft. Der als zeichnender Flaneur bekannt gewordene Ingo Giezendanner wählte aus gutem Grund einen passenden Titel für sein neustes Werk: ‹Toter Winkel›. In einer kleinen, vom Gehweg aus leicht zu übersehenden architektonischen Intervention an der Langstrassenunterführung hat er ein Video-Loop, das in einer gezeichneten Brille abgespielt wird, platziert. Die Sitzbänke nebenan werden im reichen Zürich von Obdachlosen und Alkoholikern bewohnt. Schnauzbarttragende Hipsters mit Hornbrillen, Randständige, aber auch ganz normales Publikum zirkulieren hier. Kurz gesagt, hier gibt es ein urbanes Amalgam zu finden.
Links und rechts der Videoinstallation wird jedoch an einer neuen Zukunft gebaggert und gehämmert. Entlang der Geleise giessen Investoren Milliarden Franken in Beton. Das städtebauliche Projekt trägt den Namen ‹Europaallee› und wird den Kreis 4 in naher Zukunft von seinen Rändern her verändern. Der Stadtumbau katapultiert das ökonomisch kaum kolonisierte Gebiet zwischen Innenstadt und überbautem Westen in die Topligen der Immobilienwirtschaft. Wohin aber werden die Randständigen gehen, wenn in der neuen Einkaufswelt das Corporate Design Einzug hält?
Diese Veränderungen werden in ‹Toter Winkel› verhandelt. Giezendanner hält schon seit Jahren in seinen Zeichnungen den Umbau Zürichs fest. Blättert man in seinen Zines und Büchern, sieht man alte Bekannte. Das einstmals besetzte Haus an der Stauffacherstrasse, aus dem heute ein trendiges Design-Hotel geworden ist. Das legendäre Ego-City an der Badenerstrasse, das einem tranigen Bau wich. Giezendanner weiss die Stadt zu lesen und hält fest, was flüchtig ist. Aus diesem Grund hat ihn die Kuratorin Evtixia Bibassis, die zusammen mit dem Walcheturm-Betreiber Patrick Huber eine Reihe von Kunstprojekten im Rahmen des Bauprojekts ‹Europaallee› realisiert, eingeladen. Hier wird eine ganz andere Perspektive auf den städtebaulichen Wandel formuliert, welche die Position der bald Verdrängten einnimmt. Giezendanner lud zudem die Rapperin Big Zis ein, seinen Video-Loop zu besingen. Die beiden kennen sich seit langem und arbeiteten schon mehrmals zusammen. Wer einen Kopfhörer in der Tasche trägt, kann den Ton zum Video mithören. Will man noch etwas mehr von Giezendanners Zeichnungen sehen, geht man unter der Brücke zu Abbt Projects an die Motorenstrasse. In geschätzten dreihundert Metern Luftdistanz zeigt der Künstler auch noch andere Stadtporträts.

Bis: 07.01.2012



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Ausgabe 12  2011
Ausstellungen Ingo Giezendanner [20.10.11-07.01.12]
Institutionen Abbt Projects [Zürich/Schweiz]
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Ingo Giezendanner
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