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Besprechung
12.2011


Isabel Zürcher :  Die Linie ist ein Ereignis und Papier ein Träger feinster Erinnerung: Wenn Susanne Roth den Farbstift ansetzt oder ein Blatt mit Wasserspuren tränkt, war immer schon etwas da. Ihre Arbeiten auf Papier sind ein Grenzgang der Wahrnehmung. Sie öffnen Räume, in denen das Auge scheinbar Selbstverständliches neu entdeckt.


Basel : Susanne Roth


  
Susanne Roth · Ohne Titel, 2010, Papier, 18,2 x 18,6 cm


Ihre Blätter sehen aus, als hätte Susanne Roth lange gewartet, um genau hinzuhören. Papier hat einen Klang. Manchmal gibt es ihn im Rhythmus seiner Liniierung preis, manchmal in seiner Oberflächenbeschaffenheit, manchmal ist ein Falz, ein Riss, eine Prägung Ausgangspunkt der optischen Spurensicherung. In jüngst entstandenen Blättern haben sich Filzstiftpunkte einmal zwischen die vorgedruckten Linien gesetzt, einmal auf ihre Kreuzungspunkte. Die minimale Verschiebung ist von grosser Wirkung: Sah man soeben noch die Ordnung eines Setzkastens oder Spielfelds, mutiert die neue Versuchsanordnung zur textilen Struktur, zum Netz und zur gänzlich verwandelten Partitur.
Susanne Roth ist eine Sammlerin. Wenn auch unsystematisch zusammengetragen, basiert ihr Schaffen auch auf dem breit ausgeschöpften Repertoire des dünnen, ja verletzlichen Trägermaterials Papier. Ihre Blätter, Hefte, Couverts variieren in Format und Oberflächenbeschaffenheit, sind opak oder transparent, tragen Spuren der Alterung oder des Gebrauchs. Aus solcher Eigengesetzlichkeit entfalten sich die neueren Arbeiten. Aneinander gelegt, erschliessen monochrom gefütterte Briefumschläge gleichzeitig einen gebauten Raum wie heraldische Zeichen. Wo eine querrechteckige Fläche mehrfach mit Farbstift beschichtet ist, bleibt die seitlich leicht gewellte Membran ebenso Gegenstand der Betrachtung wie der Farbraum selbst: ein Nichts, das von textiler Weichheit spricht und Erinnerungen an monochrome Malerei aufnimmt. Wo die vorgedruckte Liniierung bis auf wenige Punkte vom Papier abgerieben ist, hat sich das Schreibpapier in einen Raum verwandelt. Wo feinste Linien im Strahlenbündel bunte Punkte in die Leere setzen, weiss man nicht, ob sie tatsächlich händisch entstanden sind oder nicht einfach «erschienen». Der künstlerische Eingriff, oft in Serien angelegt, kommt dem Verschwinden nahe. Die Zeichnung will ganz an den Anfang zurück, zur Zellteilung, zur Auslassung, zum Alphabet des dünnen Materials.
Die 1973 geborene Künstlerin hat in Nürnberg und Karlsruhe studiert, dort bei Ernst Caramelle. Es ist die zweite Ausstellung, die Martin Flaig mit Susanne Roth realisiert - und die erste im Raum an der St. Alban-Vorstadt. Bruchlos fügt sich ihr Schaffen in jenes Interesse am Medium des Bildes ein, das auch andere Künstlerinnen und Künstler seines Programms verbindet: Die auf den ersten Blick leise Geste erzählt von übergeordneten Zusammenhängen. Sie hält sich, vom Rand her kommend, doch mitten in der grossen Tradition der konkreten Kunst auf.

Bis: 17.12.2011



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Ausgabe 12  2011
Ausstellungen Susanne Roth [10.11.11-17.12.11]
Institutionen Martin Flaig [Basel/Schweiz]
Autor/in Isabel Zürcher
Künstler/in Susanne Roth
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