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Besprechung
12.2011


Yvonne Ziegler :  Die Werkauswahl des jüngst verstorbenen amerikanischen Künstlers Robert Breer (1926-2011) im Museum Tinguely fördert Überraschendes zutage: Der abstrakt malende Künstler war nicht nur ein wichtiger Experimentator im Bereich Animationsfilm, sondern auch ein schalkhafter Zeichner und Bildhauer.


Basel : Robert Breer


  
Robert Breer · Installationsansicht, 2011, Museum Tinguely, Basel. Foto: Bettina Matthiessen


Beim Betreten der bühnenhaften Ausstellungshalle ist Vorsicht geboten, denn die im Raum befindlichen ‹Floats› sind in ständiger, kaum wahrnehmbarer Bewegung. Es sind mehrere brusthohe, oben abgerundete weisse Zylinder, eine 3 x 4 m grosse Wandecke, Bodenscheiben, kleine Styroporbrocken und knisternde Folienobjekte. Letztere bewegen sich nicht nur fort, sondern ziehen sich zusammen und dehnen sich aus. Alle Objekte scheinen ein Eigenleben zu führen, verändern sich ungesteuert. Sie knistern, knacken und rattern leise. Aufgrund ihrer minimalistischen Gestaltung und autonomen Fortbewegung faszinieren sie heute wie 1970, als sie im Pepsi-Cola-Pavillon der Weltausstellung in Osaka gezeigt wurden. Breer versteht sie als Skulpturen, die in einem Raum bzw. Feld immer wieder in andere Beziehungen zueinander treten, wodurch sich eine ständig neue Kompositionsordnung ergibt.
Bevor der Ingenieurssohn aus Detroit Skulpturen in Bewegung versetzte, schuf er bewegte Bilder. Inspiriert von Piet Mondrian malte er zwar während seiner Pariser Zeit (1949-1959) abstrakte Bilder bestehend aus geometrischen Formen mit unregelmäs­sigen Kanten sowie schwarzen Linien. Er stand jedoch auch in Kontakt mit den kinetischen Künstlern um die Galerie Denise René, und so entstanden zeitgleich abstrakte Daumenkinos (ab 1950), Animationsfilme (ab 1952) und mit Zeichnungen und Kurbel versehene drehbare Mutoskope (ab 1958/59). Neben Gemälden und Apparaten zeigt die Basler Ausstellung eine Vielzahl von Filmen, im Kinosaal als stummer Loop zu sehen, im hintersten Bereich einzeln ansteuerbar und mit Kopfhörern versehen. Schnell wird deutlich, dass Breers Filme sowohl das Bildermachen der Malerei als auch die des Films reflektieren. Gemälde entstehen durch schrittweises Auftragen und Abtragen von Farbe. Farbe fliesst, tropft. Einzelbilder, die nichts verbindet, unterlaufen die herkömmliche Narrationslogik und das 24-Bilder-pro-Sekunde-Schema des Films. Anhand des ausgestellten Filmstreifens von ‹Recreation›, 1956/57, sowie mehrerer Papiervorlagen kann man dies gut nachvollziehen. Automatisch gesprochene Texte, echte und unechte Geräusche wirken ebenso sinnlos wie die Bilderfolgen, in die neben Zeichnung und Farbe auch Papierausschnitte collagiert wurden. Ab und an bleibt ein Bild länger stehen, prägt sich ein. Etwa blitzt im Bilderfluss von ‹Fist Fight›, 1964, zu den Klängen von Stockhausens ‹Originale› ein Foto von Nam June Paik auf, der 1961 bei der Uraufführung mitwirkte. Also doch Sinn!

Bis: 29.01.2012



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Ausgabe 12  2011
Ausstellungen Robert Breer [26.10.11-29.01.12]
Institutionen Museum Tinguely [Basel/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Robert Breer
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