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Hinweis
12.2011




Berlin/London/New York : Taryn Simon


von: Raimar Stange

  
Taryn Simon · A Living Man Declared Dead and Other Chapters, Auszug aus Kapitel XVII, 2011, Courtesy the artists and Gagosian Gallery


Die Ausstellung ‹A Living Man Declared Dead And Other Chapters› wird gleichzeitig in der Neuen Nationalgalerie und in der Tate Modern gezeigt, ab Mai 2012 noch im MoMA - eine solche ungewöhnliche Präsenz in hochkarätigen Ausstellungshäusern lässt aufhorchen. Für die Ausstellung war die US-amerikanische Künstlerin Taryn Simon
(- KB 7/8, 2011, S. 81) vier Jahre lang in der ganzen Welt auf der Suche nach sogenannten «Blutlinien», deren «Schicksale» dann in 18 Displays vorgestellt sind. Da wird die Geschichte des Doubles eines Sohnes von Saddam Hussein genauso erzählt wie die des Genozids 1995 in Bosnien oder die von zwei brasilianischen Familien, die in Blutfehde leben. Der Begriff der «Blutlinie» also wird sehr weit gefasst, reicht von der Verbindung durch Ähnlichkeit über gemeinsame Religionszugehörigkeit bis hin zur Beziehung dank Verwandtschaft. Selbst das Schicksal von 1859 nach Australien eingeführten Karnickeln wird in die Ausstellung aufgenommen. Bereits hier stellt sich Verwunderung ein: Was leistet (sich) das dümmliche Nebeneinander von völlig unvergleichlichen «Schicksalen», wie beispielsweise das Abschlachten von 8'000 bosnischen Muslimen und dem Vermehren einer eigentlich nicht einheimischen Tierart? Etwa die zynische Polemik, beides sei eine Art Rassismus? Doch nicht nur dieser inhaltliche Aspekt, sondern auch die formale Präsentation wirft Fragen auf. Die Displays zeigen in ihrem linken Teil stets Fotos, die eine «Ahnenkette» der «Blutlinie» inszenieren, also mit lebenden direkten Vorfahren beginnen, es folgt die «Hauptperson», dann deren Nachkommen. Im mittleren Teil wird dann in Textform die jeweilige Geschichte der «Blutlinie» erläutert. Im rechten Teil folgen schliesslich Fotos, die als dokumentarische «Fussnoten» funktionieren sollen. Im Falle der Kaninchen etwa ist die Abbildung eines Massengrabes von getöteten Kaninchen zu sehen. Diese nicht gerade überraschende Form einer Dokumentation, die übrigens den Betrachter immer wieder zum Voyeur macht, erweitert fotografische Projekte wie das von August Sander einerseits um den Moment des Textes, andererseits um den von kontextualisierenden weiteren Fotos. Die von der Künstlerin intendierte Hinterfragung von Codes und Strukturen in den von ihr dokumentierten Erzählungen aber gelingt wegen der fragwürdigen Konzeption und der oberflächlichen formalen Lösungen kaum.

Bis: 02.01.2012



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Ausgabe 12  2011
Ausstellungen Taryn Simon [22.09.11-01.01.12]
Institutionen Neue Nationalgalerie [Berlin/Deutschland]
Autor/in Raimar Stange
Künstler/in Taryn Simon
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