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Hinweis
12.2011




Graz : Public Folklore


von: Patricia Grzonka

  
links: Martin Krenn · Ein Dorf aus Österreich, 2011, Video 33'10', Fotografie und Text © ProLitteris
rechts: Christian Philipp Müller · R.E.P., 2011, Installation


Die Ausstellung im Grazer Kunstverein setzt sich mit den komplexen Erscheinungsformen des Folklorismus in Europa auseinander, und dies jenseits von klischeehaften Vorstellungen zur Trivialkunst. In Zeiten der forcierten Globalisierung sowie der EU-weiten Zentralisierung mutet es geradezu paradox an, dass in politischen Debatten die Konstruktion des Nationalen erneut eine starke Gewichtung erhält. Aber die Besinnung auf nationale Tradition, Volksverbundenheit und lokale Kultur scheint als Korrektiv ein unausweichliches Manöver, um wirtschaftliche und ökonomische Veränderungen grell zu überstreichen.
Die Formen dieser Konstruktionen kritisch zu hinterfragen, versucht das Projekt Public Folklore mit rund zwanzig inhaltlich dichten Arbeiten. Ein Grossteil der beteiligten Künstlerinnen und Künstler kommt aus den postsowjetischen Staaten, in denen die massiven politischen Transformationen der letzten Jahre verstärkt neue (und ganz alte) nationale Erzählungen (wieder) aufleben liessen.
Folklore ist ein Phänomen, das sich an den Rändern auch mit Kommerz und Tourismus deckt: Der Ort, an dem Audrius Novickas seinen portablen Plastiktisch und einen Stuhl aufstellt, um darauf zwei mitgebrachte Gerichte zu verzehren, ist eine Burg aus dem 13. Jahrhundert, die als National-Denkmal Litauens gilt. Die beiden Klossvarianten, die Novickas auftischt, scheinen sich nur durch die Beigabe einer Sosse zu unterscheiden, sind aber tatsächlich von unterschiedlichen Rezepturen. Diese verweisen auf die gemischte ethnische Identität Litauens, aber auch darauf, dass in Zeiten von Fast Food auch traditionelle Küchen hauptsächlich als vermarktbares Konsumgut überleben.
Roza El-Hassan initiierte in Ungarn einen gemeinsamen Workshop mit freischaffenden Künstlerinnen, Designern sowie Korbflechtern der Roma, um zusammen Produkte wie Laptop-Taschen und andere neuzeitliche Designobjekte herzustellen. Das Projekt reagiert damit auf die besonders hohe Arbeitslosigkeit unter ethnischen Minderheiten wie den Roma.
Weitere Arbeiten der sehenswerten Ausstellung befassen sich mit traditionellen Produkten wie Loden (Christian Philipp Müller), TV-Formaten und deren folkloristischen Einschüben (Sean Snyder), dem Erlernen von estnischen Volkstänzen (Mari Laanemets & Killu Sukmit) oder mit «patriotischen» Zeichen, die in ornamentale Piktogramme umcodiert wurden (vom ukrainischen Kollektiv R.E.P.) - um nur wenige zu nennen.

Bis: 07.12.2011



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Ausgabe 12  2011
Ausstellungen Public Folklore [24.09.11-07.12.11]
Institutionen Grazer Kunstverein [Graz/Österreich]
Autor/in Patricia Grzonka
Künstler/in Sean Snyder
Künstler/in Christian Philipp Müller
Künstler/in Mari Laanemets
Künstler/in Killu Sukmit
Künstler/in Róza El-Hassan
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