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Hinweis
12.2011




Zürich : Mystik


von: Dominique von Burg

  
links: Porträtstatue von Kukai (774-835), Japan, 15./16. Jahrhundert, Holz mit farbiger Fassung, 80 x 78 x 46 cm, Wereldmuseum Rotterdam
rechts: Mu (Nichts), Hakuin Ekaku (1685-1768), Japan, Mitte 18. Jahrhundert, Hängerolle, Tusche auf Papier, 43 x 42 cm, Hisamatsu Shin'ichi Memorial Museum


Wir alle sehnen uns zeitweise nach entgrenzenden Erfahrungen, einer Vereinigung mit dem Numinosen. Wir suchen sie durch Drogen, körperliche Extremsituationen, Sexualität u.a. zu erreichen. Vereinzelte strebten und streben nach Erlösung oder innerer Befreiung durch Ekstase, Askese, Meditation oder andere mystische Praxen. Doch wie wird dies erlebt? Wie lässt sich die mystische Schau darstellen? Ist sie überhaupt darstellbar, angesichts der Schilderungen fast aller bedeutenden spirituellen Meister, dass «Erleuchtung», oder die Begegnung mit einer kosmischen Urkraft, in keiner Weise beschrieben werden kann. Der Direktor des Museums Rietberg, Albert Lutz, und seine Mitarbeiter versuchten nun, das weite Feld der mystischen Erfahrung empirisch zu erfassen. Als Repräsentanten wählten sie vierzig aus den grossen Weltreligionen stammende Mystikerinnen und Mystiker aus einer Zeitspanne von über 2'000 Jahren aus. Die durch die kulturellen Bedingtheiten ganz unterschiedlichen Erzeugnisse sind einander gegenübergestellt. Entsprechend schwindelerregend ist die präsentierte Vielfalt. Geleitet von über 30 Film-, Audio- und Multimedia-Installationen bewegt sich der Besucher durch ein Labyrinth von Kabinetten, bestückt mit Biografien, Schriften, Originaldokumenten, Kult- und Kunstgegenständen und begegnet der schier grenzenlosen Erfahrungsweise spirituellen Erlebens. Sei es in der Liebe der Gopis zu Lord Krishna, der christlichen Nonnen zu Jesus Christus, sei es im Leiden eines Franz von Assisi zwecks Identifikation mit dem Martyrium Christi, sei es im wirbelnden Tanz von Derwischen oder in Mandalas, die den Meditierenden den Weg zu Gott weisen. In dieser Fülle leuchtet das mit Tusche auf Papier gemalte Zeichen Mu des japanischen Kalligrafen Hakuin Ekaku Mitte des 18. Jahrhunderts als Quintessenz auf. Mu meint das Nichts, das im Zen die Verneinung aller Gegensätze und höchste Freiheit bedeutet. Dargestellt wird es meist als tiefschwarzer Kreis oder als Linie. Diesen Zusammenhang hatte schon Dionysios Areopagita um 500 erkannt, als er über die Verneinung von Gott zur Unio mystica gelangte und Gott mit «überlichter Dunkelheit» verglich. Muss nicht Henri Matisse etwas Vergleichbares erlebt haben, als er 1914 in Collioure die in Licht getauchte Balkontüre seines Ateliers nach etlichen Versuchen - entgegen seiner Vorliebe für intensive Farben - schwarz malte und dieses Schwarz als «Summe des Lichts» verklärte? Mit ausgezeichneter Publikation bei Scheidegger & Spiess.

Bis: 15.01.2012



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Ausgabe 12  2011
Ausstellungen Mystik.Die Sehnsucht nach dem Absoluten [23.09.11-15.01.12]
Institutionen Museum Rietberg [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
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