Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Artikel
SWISS ART AWARDS 2011


Martino Stierli :


Martino Stierli

Eidg. Preis für Kunst - Kunst und Architektur- Vermittlung



Die akademische Kunstgeschichte wird in der breiteren Öffentlichkeit im Allgemeinen als schöngeistiger Zeitvertreib wahrgenommen, von dem keine relevanten Antworten auf brennende Fragen und Probleme unserer Zeit zu erwarten sind. Dabei hat sie seit ihrer Etablierung als akademische Disziplin vor gut hundert Jahren ein Methodenrepertoire entwickelt, das sich durchaus dazu anbietet, die visuelle Kultur unserer Gegenwart kritisch zu reflektieren und mit historischem Hintergrundwissen fundiert zu kommentieren. Vieles von dem, was in den vergangenen Jahren angesichts der medialen Bilderflut als «iconic turn» umschrieben worden ist - also als der (angebliche) Übergang von einer in erster Linie sprachzentrierten zu einer vermehrt auf Bilder abgestützten Gesellschaft und Wissenskultur -, rückt durch eine geschichtliche Situierung in ein helleres Licht und wird in seiner historischen Dimension erst richtig verständlich. Eine so verstandene Kunstgeschichte beschränkt sich nicht auf die künstlerischen Glanzlichter und Ausnahmeerscheinungen aus vergangenen Epochen, sondern betrachtet gerade die zeitgenössische visuelle Kultur mit all ihren Ausprägungen zwischen Populärkultur und Hochkunst als ihren Forschungsgegenstand.
Die Architektur und die Raumkünste haben seit jeher zum engeren Bestand der Kunstgeschichte gehört; ein Status, den sie jedoch durch verschiedene Entwicklungen auf hochschulpolitischer Ebene mehr und mehr einzubüssen drohen. Meine Arbeit rückt dagegen bewusst die Verwandtschaft der Architektur mit ihren Schwesterkünsten sowie die visuelle Dimension der Baukunst in den Vordergrund und versucht somit, einen Kontrapunkt zu diesem Trend zu setzen. Architektur ist nicht einfach mit der gebauten Umwelt gleichzusetzen, sondern sie ist eine Disziplin, die sich in vielen verschiedenen Medien und Diskursen manifestiert. Die Bildmedien gehören in hervorragendem Masse dazu. Auch wenn Architektur und Raum vielfach als selbstverständlich hingenommen werden und ihre prägende Funktion in Bezug auf unsere Wahrnehmung der Umwelt oftmals verkannt wird, bilden sie einen zentralen Aspekt unserer visuellen Kultur. Das gilt für die Schweiz in besonderem Masse, wo die moderne Architektur seit jeher stark verwurzelt ist. Die Architektur unter ästhetischen und auf die Wahrnehmung bezogenen Fragen zu betrachten, heisst mitnichten, soziale, funktionale oder gesellschaftspolitische Fragen auszublenden, denen für das Verständnis der Architektur eine ebenso wichtige Rolle zukommt. Aber es heisst, die Architektur als gestaltende Disziplin ernst zu nehmen und auf ihre Bedeutung für unsere Wahrnehmung der Umwelt hin zu befragen. Mein Anspruch besteht dabei darin, den akademischen Diskurs aufzugreifen und in die breitere öffentliche Diskussion einzubringen, um nicht zuletzt den Beitrag von Architektur und Raumkunst für die Bildkultur sowie deren Chancen und Gefahren zu reflektieren.


1974 Geboren in Zug
Lebt und arbeitet in Zürich

Berufliche Kurzbiografie
1995-2003 Studium der Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Zürich
2003-2007 Dissertation im Rahmen des Graduiertenkollegs «Stadtformen - Bedingungen und Folgen» am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta), ETH Zürich
2005-2006 Visiting Scholar an der Columbia University, New York, sowie an der University of Pennsylvania, Philadelphia
2007-2011 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Nationalen Forschungsschwerpunkt «Bildkritik» (Eikones), Universität Basel
2008 Ko-Kurator der internationalen Wanderausstellung «Las Vegas Studio. Bilder aus dem Archiv von Robert Venturi und Denise Scott Brown» (mit Hilar Stadler)
Seit 2009 Dozent am Departement Architektur, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH)
2009 Stipendiat am Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München
Seit 2011 Oberassistent am Institut gta, ETH Zürich
2011-2012 Residential Fellow am Getty Research Institute, Los Angeles

Auszeichnungen/Preise
2005-2006 Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds
2006-2007 Stipendiat der Janggen-Pöhn-Stiftung, St. Gallen
2008 Medaille der ETH Zürich für eine herausragende Doktorarbeit
2008 Theodor-Fischer-Preis des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, München
2008 Die schönsten Schweizer Bücher, Bundesamt für Kultur
2011 Production and Presentation Grant, Graham Foundation, Chicago
2011-2012 Residential Fellowship, Getty Research Institute, Los Angeles

Publikationen (Auswahl)
2008 Las Vegas Studio. Bilder aus dem Archiv von Robert Venturi und Denise Scott Brown, Zürich,
Scheidegger & Spiess (Hrsg., mit Hilar Stadler)
2008 «Basel. Die Instrumentalisierung des Modells Stadt», in: Annette Becker u.a. (Hrsg.), New Urbanity. Die europäische Stadt im 21. Jahrhundert, Ausstellungskatalog. Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt a.M., Salzburg, Anton Pustet
2009 «Kuppeln und Türme», in: Historische Gesellschaft Luzern. Jahrbuch 27
2009 «Architektur in der Möglichkeitsform. Zu den Bildbauten Philipp Schaerers», in: Philipp Schaerer, Bildbauten, Basel, Standpunkte
2010 Las Vegas im Rückspiegel. Die Stadt in Theorie, Fotografie und Film, Zürich, gta Verlag.
2010 «Mies Montage», in: AA Files 61
2010 «Preservation Parade: The Mediatization of the Liebe House into a Monument», in: Future Anterior 7.1
2010 «Taking on Mies: Mimicry and Parody of Modernism in the Architecture of Alison and Peter Smithsons and Venturi/Scott Brown», in: Mark Crinson und Claire Zimmerman (Hrsg.), Neo-avant-garde and Postmodern: Postwar Architecture in Britain and Beyond, New Haven, Yale University Press
2010 «Monuments to Modernity», in: Iwan Baan, Brasilia-Chandigarh: Living with Modernity, Baden, Lars Müller
2010 «L'Enseignement de Las Vegas: histoire d'une controverse critique», in: Quentin Bajac und Didier Ottinger (Hrsg.), Dreamlands: Des parcs d'attractions aux cités du futur, Paris, Centre Pompidou
2011 Venturis Grand Tour. Zur Genealogie der Postmoderne, Basel, Standpunkte
2011 «I AM A MONUMENT. Zur Phänomenologie des Monumentalen in der amerikanischen Architekturtheorie der 1960er Jahre», in: Carsten Ruhl (Hrsg.), Mythos Monument. Urbane Strategien in Architektur und Kunst seit 1945, Bielefeld, Transcript
2011 «Fotografische Feldforschung in der Architektur und Kunst der 1960er Jahre», in: Ákos Moravánszky und Albert Kirchengast (Hrsg.), Experiments. Architektur zwischen Wissenschaft und Kunst, Berlin, Jovis



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 14  2011
Autor/in Martino Stierli
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=111222094455HBA-33
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.