Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
1/2.2012


 Was hat das Kunsthaus Glarus mit der kambodschanischen Unabhängigkeitserklärung zu tun? Und was die Venus von Milo mit dem Freihandelsabkommen der EU? Annette Amberg nimmt den Dialog mit Leben und Werk ihres Onkels, dem kambodschanischen Architekten Vann Molyvann, auf. In fragmentarisch-subjektiven Erzählungen befragt sie die Geschichte und den Wissenstransfer zwischen West und Ost und kommt mit diesem Gepäck in der Gegenwart an, in Glarus. Ein Gespräch über die Ausstellung ‹Everything But Arms› und die künstlerischen Folgen einer Verwandtschaftsbeziehung.


Annette Amberg - Vorwärts in die Vergangenheit


von: Barbara Preisig

  
links: Everything But Arms, 2011, Rampe mit rotem Teppich, Fotos, Schrift, Installationsansicht Kunsthaus Glarus
rechts: Structure IV-VIII, 2011, Flowstone, und Untitled (Blvd. Mao Tse Toung 107), 2011, Installationsansicht Kunsthaus Glarus


Preisig: Du hast dich in den letzten zwei Jahren intensiv mit der Geschichte des Architekten Vann Molyvann beschäftigt. Was hat dich dazu bewegt, diesen Werkkomplex in der Ausstellung in Glarus weiter auszubauen?

Amberg: Der Ausgangspunkt für meine Arbeiten über meinen Onkel war eine Reise 2009 nach Kambodscha. Dort habe ich erstmals begriffen, welche Bedeutung Vann Molyvann für die Architektur und die Kulturpolitik Kambodschas bis heute hat. Zudem war es das Interesse, meine Familiengeschichte etwas genauer auszuloten, das mich zu dieser Auseinandersetzung geführt hat. In Glarus interessieren mich die Verbindungen zwischen dieser Geschichte und der Architektur des Kunsthauses.

Geschichte im Blickwechsel

Preisig: Bevor man das Kunsthaus betritt, wird man von farbigen Lichtspielen empfangen. Anlässlich der Gruppenausstellung ‹Of Objects, Fields, And Mirrors›, 2010, hast du die Öffnungen im Vordach des Gebäudes mit bunten Glasscheiben bestückt (‹Structure II›, 2010). Was hat diese Intervention mit der aktuellen Ausstellung zu tun?

Amberg: Vann Molyvann reiste 1946 mit einem Stipendium als einer der ersten Khmer nach Paris, um Architektur zu studieren. Dort wurde er mit der westlichen Kultur, besonders mit den Visionen der modernen Architektur vertraut, die er später nach Kambodscha brachte und der asiatischen Bautradition anpasste. Das 1952 gebaute Kunsthaus Glarus ist ein «Zeitgenosse» meines Onkels. Obwohl in ganz anderen Kontexten entstanden, liegen den Architekturen ähnliche Ideen zugrunde. Meine Intervention kann als eine Art Begegnung verstanden werden. Dazu gehört auch ein Fax meines Onkels, in dem er sich u.a. zur Architektur des Kunsthaus Glarus äussert. Er findet sie nicht besonders interessant. Ich hingegen finde bemerkenswert, dass in den Fünfzigerjahren ein so modernes Gebäude im Glarner Alpental realisiert wurde.

Preisig: Wie begreifst du deine Rolle in diesem komplexen Gefüge von Familie, Kulturen, Generationen, Geschichte?

Amberg:
Mich interessiert das Verhältnis zwischen persönlichem Erleben und der offiziellen Geschichte eines postkolonialen Landes. Es reizt mich, dass ich gleichzeitig in Kontakt treten kann mit meinem Onkel und seinen noch erhaltenen Gebäuden, die aber von einer anderen Epoche und Weltsicht zeugen. Ich filtere das Material und übersetze es wiederum in meine Sprache, die für mich heute relevant ist. Die Arbeiten sollen eine eigene Präsenz behaupten und auch gelesen werden können, wenn man die historischen Hintergründe nicht im Detail kennt.

Preisig: Welche Funktionen nehmen Text, Fotografie, Architektur und Video für die Annäherung an diese komplexe Geschichte ein?
Amberg: Während die Fotografien aus dem Fundus meiner Verwandten stammen, ist die Videoarbeit ‹Documentation›, 2011, eine Dokumentation aller erhaltenen Bauten, die ich auf meiner Reise gefilmt habe. Die skulpturale Arbeit ‹Structure IV-VIII›, 2011, ist direkt von der architektonischen Formensprache meines Onkels inspiriert. Die V-Struktur ist ein Markenzeichen der modernen kambodschanischen Architektur.

Preisig:
Wie verändert sich die Bedeutung dieser Form im Ausstellungsraum?

Amberg:
Ich habe die Fragmente auf eine menschliche Grösse redimensioniert und in Skulpturen übersetzt. Der Park bildet eine Art tropische Kulisse für die Skulpturen. Sie sind in Beton, dem klassischen Baustoff der Moderne, gegossen und könnten deshalb auch im Aussenraum stehen. Ich wollte damit den Charakter der Architektur des Seitenlichtsaals, die Verbindung von Innen- und Aussenraum, unterstreichen.

Preisig: Die mit Teppich bespannte Rampe ‹Untitled›, 2011, ist Teil der Installation ‹Everything But Arms› und umschliesst den Oberlichtsaal wie ein Band. War auch hier die Auseinandersetzung mit der kambodschanischen Architektur wichtig?

Amberg: Hier ging es mir mehr um einen Eingriff vor Ort. Die Rampe versperrt den Zugang zum Raum wie eine Barriere. Sie gleicht einem roten Teppich ohne Anfang und Ende und ist ein Kommentar zu den Namen und den Fotografien an der Wand, ‹Portrait (Phnom Penh)›, 2009/11, und ‹Untitled (Life and Work)›, 2011. Die Archivfotos zeigen Vann Molyvann als private und als öffentliche Person, der eine wichtige repräsentative Funktion zukam. Nachdem Kambodscha lange Zeit ein Protektorat Frankreichs war, wollte man nach der Unabhängigkeitserklärung 1953 in kürzester Zeit die Voraussetzungen zu einer modernen Zivilbevölkerung schaffen. Mit diesem Ziel hat mein Onkel unzählige öffentliche Bauten realisiert. Der Text an der Wand nennt die Namen der Boulevards in der kambodschanischen Hauptstadt.
Sie sind den Förderern des damals neu entstehenden Staates Kambodscha gewidmet und erscheinen wie Sponsorennamen. Wenn man die Texte und Fotos an der Wand anschauen möchte, muss man die rote Rampe betreten und gerät dadurch in eine Schieflage.

Anregen statt Vermitteln


Preisig: Nachdem du Fotografie an der ZHdK studiert hast, warst du als Assistentin der Kunsthalle Basel mehrere Jahre vorwiegend kuratorisch tätig. Was hat dich dazu bewegt, erneut die Fronten zu wechseln?

Amberg:
Es war mein Bedürfnis, wieder selbst Arbeiten zu produzieren, eine eigene Sprache zu finden und mich intensiver mit meinen Interessen auseinanderzusetzen. Die Arbeit in der Kunsthalle Basel war aber sicher prägend für Fragen des Ausstellens, die mich auch als Künstlerin interessieren. Und ich möchte weiterhin kuratorisch tätig bleiben und unabhängige Projekte realisieren.

Preisig: Siehst du im Aspekt der Vermittlung ein gemeinsames Moment zwischen deiner kuratorischen und künstlerischen Arbeit?

Amberg: Ich finde den Begriff «Vermittlung» schwierig. Wenn ich diese Geschichte in Fragmenten erzähle, möchte ich vielmehr eine Anregung geben und sie mit dem Ort und der Gegenwart in Beziehung setzen. Ein Kurator wäre im Gegensatz dazu jemand, der die ganze Geschichte erzählt.

Preisig: Welche Haltung nimmst du gegenüber historischen Gegebenheiten und der Geschichte deines Onkels ein? Gibt es in deiner Arbeit eine politische Aussage?

Amberg: Ich möchte keine bestimmte Haltung propagieren, sondern eine politisch aufgeladene Geschichte aktualisieren. Die Strassennamen im Oberlichtsaal in ‹Portrait (Phnom Penh)›, 2009/11, bspw. können als Hinweis gelesen werden, dass jedes vermeintlich neutrale Land in ein Netz von wirtschaftlichen und kulturellen Abhängigkeiten eingebunden ist. Der Bezug zur Schweiz, der sich durch den ganzen Werkkomplex zieht, drängt sich auf. Ich würde vielleicht von einem Interesse an politischen Strukturen und ihren Auswirkungen, statt von einer politischen Aussage sprechen.

Preisig: Auch der Ausstellungstitel ‹Everything But Arms› verweist explizit auf einen politischen Kontext.

Amberg: Der Titel ist doppeldeutig. Er nimmt Bezug auf das gleichnamige politische Handelsabkommen zwischen der EU und einer Reihe von wirtschaftlich wenig entwickelten Staaten. Wenn man aber «Arms» nicht mit «Waffen», sondern mit «Arme» übersetzt, verweist der Titel auf ein archäologisches Relikt, z.B. die Venus von Milo oder die fragmentarische Sichtweise auf die Geschichte einer fremden Kultur. Dieses Bild hat etwas Brutales, was auch der kambodschanischen Geschichte eigen ist.

Preisig: Was ist dein nächstes Projekt?

Amberg:
Ich würde diesen Werkkomplex gern in einer Publikation zusammenführen. Ausserdem habe ich vor kurzem erstmals eine Performance gemacht und bin begeistert von der Möglichkeit, so direkt mit dem Publikum zu arbeiten.

Barbara Preisig ist Kunstwissenschaftlerin und lebt in Berlin und Zürich.


Bis: 22.01.2012


Annette Amberg (*1978, Bern) lebt und arbeitet in Zürich

2002-2007 Studienbereich Fotografie, Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich
2007-2011 Assistenzkuratorin, Kunsthalle Basel

Einzelausstellungen (Auswahl)
2009 Caravan 4, Aargauer Kunsthaus
2008 ‹Sensation›, Vrits, Basel

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2011 Art Awards, Basel
2010 ‹Of Objects, Fields and Mirrors›, Kunsthaus Glarus
2008 Plattform 08, EWZ Selnau, Zürich



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2012
Ausstellungen Annette Amberg, Neil Beloufa [13.11.11-22.01.12]
Institutionen Kunsthaus Glarus [Glarus/Schweiz]
Autor/in Barbara Preisig
Künstler/in Annette Amberg
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120109095518YPA-1
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.